Crucco di merda! Eine Wortkunde

Mittwoch 19. August 2020

Crucco ist das italienische Schimpfwort für „Deutscher“. Crucco di merda, Scheißdeutscher, klingt mir seit Kindestagen in den Ohren. Crucco ist so was  wie „Boche“ im Französischen oder „Kraut“ bei den Briten. Aber woher kommt das Wort und was bedeutet es?

Man liest Folgendes: „Der Ausdruck ,crucchi‘ leitet sich vom südslawischen ,kruh‘ für Brot ab, wurde während des Ersten Weltkriegs als abwertende Bezeichnung für Südslawen gebraucht und später auf die Deutschen übertragen.“ Diese von Italien ausgehende Deutung findet sich zuhauf in Wörterbüchern und Medien. Aber deshalb wird sie nicht wahrer. Der deutsche Wikipedia-Eintrag will das Wort schriftlich sogar erstmals im Jahr 1947 gesehen haben. Südtiroler wissen es besser. Die geschlossene Reihe der Erklärungen deutet auf reines Abschreiben hin. Andererseits: Wer kann denn  die Wahrheit in dieser abenteuerlichen Wortwanderung feststellen? Auf alle Fälle widerspricht diese gängige „slawische“ Deutung der assoziativen Psychologie der Sprache.

Krukko meint Deutsche

Das Hassbild „Deutsche“ ist nämlich in Italien weit älter und vor allem weit gewichtiger, als dass ein Schimpfwort für „Deutsche“ den Umweg über den Balkan hätte nehmen müssen, um so erst zweiten Grades auf den Erzfeind Nr.1 „aufgepappt“ zu werden – und das so spät wie WK I und danach. Sehr, sehr unglaubwürdig.

Der Ursprung von „Crucco“, Mehrzahl „Crucchi“, ist vermutlich weit banaler – und vor allem älter. Seit den Bildungsreisen deutscher Künstler nach Italien, aus den habsburgischen Hofstaaten in Neapel und Florenz, bei der Radetzky-Glorie in Mailand und Novara, im k. k. Wirtschaftsballungsraum Venedig-Triest klingt den Italienern allenthalben das deutsche „Grüß Gott!“ in den Ohren. „Grüß Gott“ ist der österreichische Gruß schlechthin. Psychologisch, politisch und zeitgeschichtlich gesehen ist es der Gruß des verhassten „Straniero“, des Feindes von außen, es ist die Sprache der hochadeligen Herrscher und Unterdrücker, es ist die tägliche Demütigung der untergebenen Einheimischen, die auf diesen fremden Gruß irgendwie antworten müssen.

Den Italienern klang das „Grüß Gott“ wie „Krukot“ und so ähnlich erwiderten sie den Gruß. Daraus wurde geschrieben ein „Crucco“, denn die Italiener (außer die Mailänder) mögen kein „ü“, und in ihrer Sprache steht das „C“ nicht nur für „G“, sondern auch für das kehlige und hart ausgesprochene deutsche „K“. Das „t“ am Ende wird sowieso fallengelassen.

Es mag in die Wortgeschichte hineingespielt haben, dass ab 1815 viele der in der Lombardei und in Venetien stationierten k. k. Soldaten slawischer Herkunft waren, jedoch dürften diese in den seltensten Fällen das Brot in ihrer Muttersprache bestellt haben. Wahrscheinlicher ist da schon, dass Arbeiter der italienischen Großbäckereien, die das Heer belieferten, das vielfach gesprochene „Kruch“ der Kroaten aufgeschnappt und begonnen haben zu sagen, nein, das Brot hier ist nicht für euch, liebe Landsleute, es ist für die verdammten „Crucchi“ bestimmt. Zielscheibe war die Besatzungsmacht, nicht deren Vorliebe für Brot, denn die Italiener sind selber begeisterte „Brotfresser“. Somit ist es nicht nachvollziehbar, dass sich das Wort „Crucco“ auf ein Essen beziehen sollte, das als fremd empfunden würde.

Gleiches bei „Kraut“, dem englischen Schimpfwort für Deutsch. Auch die Engländer kennen, essen und schätzen Sauerkraut, aber sie sprechen es weich aus.

Das „K“ wird als besonders deutsch empfunden

Von daher ist eher anzunehmen, dass sich sowohl „crucco“ als auch „Kraut“ weniger an beliebten Lebensmitteln, sondern vielmehr an die Härte der Konsonantenfolge „Kr“ und deren Aussprache anlehnen, die offensichtlich als grob und damit typisch deutsch empfunden wird. In ‚Grüß Gott‘ ist diese Härte für italienische Ohren gleich zwei Mal vorhanden.