SOLL UND SEIN

Donnerstag 29. Oktober 2026

Ideale brauchen Form.

Ideale sind Werte, die als hochstehend, richtig und schön gelten, auch wenn sie unerreichbar sind und auch, wenn kaum einer mehr danach lebt oder sie bekämpft und missbraucht werden. Sie sind das Soll, die Norm. Was „in der Tat“ davon übrigbleibt, ist das Sein, das tägliche Leben.

Bei einem industriellen Werkstück fallen Soll und Sein zusammen: Die Ausführung erfolgt exakt nach Plan, also nach der Idee.

Bei politischen Grundsätzen wie dem des universalen Menschenrechts der UNO fallen Soll und Sein himmelweit auseinander. Die Realität ist meistens sogar das Gegenteil der Norm. Und trotzdem halten die Menschen an der Idee fest.

Die Kirche ist ein weiterer Fall von Soll und Sein. Die Kirchen sind leer – aber nur bei der Sonntagsmesse, zur Trauung und Beerdigung kommen sie alle. Wer liebt schon Gott und seinen Nächsten wie sich selbst? Gott gibt es für die meisten gar nicht mehr. Und trotzdem weiß jeder um den Wert der Liebe und des Verzeihens, möchte ewig leben und erinnert werden.

Womit wir bei der Form sind.

Jedes Ideal braucht eine Form. Ein Gehäuse, ein Gefäß, eine materielle, sicht- und greifbare Struktur. Die Kirche ist Ideal und Form in Einem. Schon als Form ist sie so großartig wie ein gotischer Dom. Allein deshalb muss man die Kirche achten und bewundern.

Bei den Menschenrechten hingegen schwächelt die Form. Wer verkörpert sie? Staatsfeiertage? Demos? Parteien? Regime-Change? Sehr schwach bis Chaos. Die moderne Kunst scheint die passende Form dieser Norm zu sein.

Im Gegensatz zu sind die Ideale der Gemeinschaft und Zugehörigkeit in weltlichen Dingen, auch Tradition, Etikette, Nation genannt, hervorragend ausgebildet. Geist, Farbe, Modus, Ritus, Struktur.

Die Südtiroler Schützen haben mit ihrem „Großen Zapfenstreich“, der seit 1918 erstmals wieder in Bozen am Waltherplatz aufgeführt wurde, eindrucksoll die Form zum Ideal Heimat gezeigt und das Soll bekräftigt.

Es ist völlig irrelevant, wie viele Schafe sich derweil eine andere Weide suchen. Im Fall der Kirche ist das evident. Und doch bedeutungslos.

Wer meint, man solle Ideale abschaffen oder ins Museum stellen, weil keiner mehr danach lebt (der „progressive“ Meinungsführer Tribus Arnold tut das im Leitartikel der TZ von heute), geht davon aus, dass Ideale, also das Soll, dem Sein, der gelebten Praxis, entsprechen müssten.

Fast ist schon das Gegenteil richtig. Das Soll muss bleiben, auch wenn niemand mehr fähig ist oder Lust hat, ein Werkstück zu bauen oder ein Leben zu führen, das diesem Soll entspricht oder ihm (mehr oder weniger) nahekommt.

Auch kann das Soll auf eine winzige Samenkapsel zurück schrumpfen, ohne dass das Ideal verloren geht. 1000 Schützen tragen die Erbinformation für 500.000 andere. Diese wenigen Frauen und Männer bewahren Form und Ideal für unbestimmte Zukünfte. Wenn die Zeit kommt, werden aus wenigen Samen wieder viele Früchte.

Arg wäre es nur, wenn wir diese 1000 Aufrechten gar nicht mehr hätten.


Das Titelfoto zeigt die Schützenformationen beim Aufmarsch zum Zapfenstreich am 25. Oktober 2026, Foto SSB/Richard Andergassen.