Die Traminer Wortfamilie.
Fortsetzung und Schluss von Etymo am Samstag | Tramin vom 17.10.2026
Zur Namensgeschichte von Tramin im Südtiroler Unterland steht in der deutschen Wikipedia:
„Die Etymologie von Tramin liegt im Dunkeln, mögliche Deutungen gehen stark auseinander.“ [Verweis auf unseren Südtiroler Namenforscher Cristian Kollmann].
„Der Ortsname kann eventuell zu Termon im Nonstal und Tremosine am Gardasee gestellt werden, wo sich der belegte vorrömische Personenname Triumus als Anknüpfungspunkt anbietet.“ [Verweis auf Diether Schürr].
Nun, Licht ins Dunkel bringen können wir auf unserer Liebhaberseite nicht, aber ein bissl nachstochern schon.
Klarer Hinweis auf Kelten
Da hilft schon der ersten Satz weiter von Kunibert Zimmeter aus dem Aufsatz „Tramin“ im „Schlern“ vom 15. Oktober 2021:
„Am Fuße des Göllerberges liegt die stattliche Marktgemeinde Tramin.“
Unschwer errät man aus dem Namen Göller die Gallier, also haben wir in Tramin einen Keltenberg. Und der hat ein Höllental. Zimmeter:
„Auf die häufigen Brände und den wilden Bach, der aus dem Höllental kommt, spielt der Spruch an: ‚Tramin verbrinnt oder verrinnt‘.“ (ebenda)
Höllental ist Höhlen-Tal. Da die alten Kelten Meister in der Erzgewinnung waren, dürften Bergwerkshöhlen im ganzen Mendelkamm, oberhalb von Tramin, Kaltern und so weiter die Regel gewesen sein. (Nachweislich auch in Tremosine über dem Gardasee, siehe weiter unten).
Tramin ist kein Personenname
Der Name Tramin wird von Forscher Schürr als Personenname aus vorrömischer Zeit gedeutet: Triumus soll der Mann geheißen haben (Wikipedia). Die Deutung bzw. Rückführung von Ortsnamen auf Individuen ist nicht unser Ansatz („Namen sind heilig“).
Personalnamen für Siedlungen treffen fast nur auf Heilige und Majestäten zu, die ohnehin kollektiv gedacht werden (Pluralis Majestatis). Beispiele sind etwa Konstantinopel, Friedrichshafen, St. Petersburg, Stalingrad. Sogar der Eigenheim-Erbauer nennt sein Haus Etschblick oder Wiesengrund oder Birkenheim, und nicht nach sich selber. Auch dass die vielen Orte im Etschtal, die auf -an enden, zurückgeführt werden auf die (imaginären) Einzelbesitzer von Villen oder Bauernhöfen der spätrömischen Zeit, überzeugt wenig, vielmehr scheint hier ein Erklärungsmuster in Serie zu gehen. Die keltische Spur hilft da wieder und besser weiter.
Das Tramin der Schweiz
Im schweizerischen Wallis (Wallisch = Welsch = Keltisch) findet sich der höchste Weinberg Europas in dem Bergdorf Visperterminen, auf Einheimisch Täärbinu, seine Bewohner sind die Tärbiner. Vispa ist der Fluss, Terminen also der Ort. Und welche Rebsorte wird in diesem Weinberg auf über 1000 Meter Seehöhe angebaut? Richtig, der Traminer. Der in Terminen Heida heißt. Und im übrigen Gallierland auch Savagnin. Das ist die Rebe die von „nördlich der Alpen“, die nach Tramin in Südtirol kam. Durch die Kelten. Sind die Walliser Terminer oder Tärbiner, etwas lautverrutscht, die Vettern der Traminer? Hat der Wein die beiden namensähnlich gemacht?
Dass es sich beim Savagnin und beim Traminer (aus Tramin) um die identische Sorte handelt ist molekularbiologisch nachgewiesen (Wikipedia). Und dass die Kelten dort Weinbau betrieben haben, auch. Das größte Anbaugebiet für Gewürztraminer heute ist übrigens nicht Tramin in Südtirol, sondern das urkeltische Land Elsass (heute in Frankreich).
Die große „Tramin“-Familie
Der Bezug von Tramin (Südtirol) zu Terminen (Wallis) ist nicht etwa exklusiv. Verwandtschaften des Namens Tramin zu den Ortsnamen Termon (Nonsberg) und Tremosine (Gardasee) sind von Schürr genannt.
Mir fallen mit der Lautverschiebung von Tra(min) auf Ter(meno) und Tär(bin) noch mehr Ortsnamen mit Tra/Ter/Tre ein. Prominent wären Trento (Tridentum, Trient), Terlan und Teriolis (von manchen als das Stammwort von Tirol angesehen). Es folgen Terlago zum Beispiel oder Terenten oder Trens. Vielleicht sind auch die „Tar-“ Orte im Vinschgau mit in der Wort-Familie, etwa Tartsch? Lauter „fuzzy“ Anknüpfungspunkte.
Frappant ähnlich ist der Name eines kleinen Ortes bei Mori: „Trabin“. Der berühmte Innsbrucker Namensforscher Chr. Schneller (1890) erklärt ihn mit Tra le Bine, (Zwischen den Rebendoppelzeilen). (Tirolische Namenforschungen [1], Orts- und Personen-Namen des Lagerthales in Südtirol, Innsbruck 1890).
Nun, aus ‚b‘ kann leicht ‚m‘ werden, wie das Beispiel aus Wallis zeigt. Die innere Verbindung zum Weinbau ist wie bei Tramin gegeben.
Strittig ist und bleibt die vorrömisch-keltische gegen die romanische Deutung dieser, man kann schon sagen, „Tramin-Familie“.
Für diesen Streit gibt es bei Schneller eine erhellende Stelle im gleichen Werk, und zwar beim Eintrag „Trambileno“, einem weiteren Namensverwandten zu Tramin, bei dem indirekt auch der von Wikipedia genannte „Triumus“ durchscheint. Schneller schreibt:
„Trambileno, auch Trambeleno, volksthümlich Trembelem, große Berggemeinde östlich von Rovereto. Urk. 1242 in Trambelino 1270, 1280: in Trambelleno u. s. w. Man hat versucht, die alten rätischen Triumpilini dort unterzubringen; es ist auch ein Witz des Kirchenlateins, den Namen in den Schematismen mit «Trambilenum seu Templum Bellenum» zu verzeichnen, welcher Bellenus wohl der Keltengott Bclenus sein soll. Der Name bezeichnet offenbar die Lage der Gemeinde zwischen den beiden Leno-Flüssen, nämlich «tra ambi i Lcni », in welchem Sinne er auch gemeinhin gewöhnlich verstanden wird.“
Die rätischen ‚Triumusse‘ überzeugen Schneller also genauso wenig wie die latinisierte, aber doch kultische Deutung eines Keltengottes, zu der ich neige. Die von Schneller als offensichtlich verstandene topographische Deutung als „Zwischenwasser“ auf Latein wirkt überzeugend, hat aber auch ihre Schwächen, die im nächsten Aufsatz angesprochen werden sollen.
Die Kelten geistern weiter.