WOHNEN AM KALVARIENBERG

Samstag 17. Oktober 2026

Her mit dem Ghetto!

Berühmt ist die Legende vom gordischen Knoten. Der unentwirrbare Knäuel im Tempel galt als heilig. Da kam der Alexander und schnitt den Knoten auseinander.

Sein Schwert bräuchte EU-Europa und Südtirol ganz dringend. Wir sind heillos überreguliert. Nicht nur bei Vorschriften und Verfahrensregeln, Bürokratie genannt. Auch bei unseren überzogenen Wertvorstellungen und Ansprüchen.

Beim Wohnen beispielsweise.

Da müssen in Bozen arbeitende Einwanderer im Freien kampieren, während auf der anderen Seite angeblich Tausende Wohnungen des landeseigenen Wohnbauinstitutes leer stehen oder klimafreundlich restauriert werden.

Es kommt noch schlimmer. Das Südtiroler Auge verträgt keine Schlafstätten unter Brücken, keine notdürftig aufgestellten Pritschen, Zelte, Karton-Hütten. Nicht einmal im Niemandsland. Den Obdachlosen wird mit Räumungen das Notwendigste unterm Hintern weggenommen, als wäre es Müll.

Ja, zum Teufel, her mit den Containern! Ein Lager- oder Öd-Platz wird sich wohl noch finden, oder? Zur Not auch ein picobello Fußballfeld. Bei Corona klappte das über Nacht für unsere lieben Grundschulkinder.

Ich provoziere und sage: Her mit dem Ghetto!

Mit diesem Wort ist das Absondern verbunden, deshalb wird es gemieden wie die Pest. Aber Ghetto ist, was Little Italy, Chinatown oder das jüdische „Schtetl“ in den Vereinigten Staaten waren: Ganze Viertel, eigene Welten, wo Einwanderer sich nach ihren Möglichkeiten und in ihrer eigenen Art zusammengefunden, sich gegenseitig gestützt und geholfen haben. Auch wenn das Colorit erstmal so gar nicht zum Landesüblichen passt.

So etwas ist in Südtirol unmöglich zu denken. Man darf es gar nicht aussprechen. Nicht nur des bürgerlichen Missfallens wegen. Es rührt an die Glaubenspfeiler der „Zivilgesellschaft“. Es wäre nämlich das sichtbare Zeichen, dass eben nicht alle Menschen gleich sind (oder sein wollen), und dass Menschen eben nicht von Anfang an gleiche Maximalrechte haben können.

Anstatt das natürliche Sich-von-Unten-nach-Oben-Hinaufarbeiten zuzulassen, will die Politik im vorauseilenden Gehorsam gegenüber Spießern und Moralisten eine teure optische Konformität herstellen. Überall werden Aufpasser bestellt. Sie nennen das beschönigend Integration. Integrieren geht über alles. In der Realität eine Mission Impossible, siehe Schule, siehe gehobene Unterkünfte für Migranten auf dem Land. Derweil biwakieren die Dunkelhäutigen weiter am Kalvarien-Hügel des Virgl.

In der Tat, ein Kalvarienberg. So eine Schande! Deshalb er mit den Containern, und wenn die das werden, dann eben auch „Ghetto“, „Schanghai“, oder wie die Schimpfworte für ethnische Wohnbezirke alle lauten. Es geht nicht um „Würde“, es geht um die nackte Notwendigkeit des Wohnens nach den eigenen Möglichkeiten.

Menschlich sein heißt manchmal, den eigenen gordischen Knoten erkennen und zerschlagen. Spart Sorgen und Elend, auch wenn‘s den Hohepriestern in Kostüm und Krawatte nicht gefällt.


Titelfoto: Bozner Virgl mit Kalvarien-Kirche, aus der Tourismuswerbung, (c) IDM Südtirol 2026