Mezzocorona und Mezzolombardo.
Fortsetzung von „DIE ROTALIANA“ (26. September 2026)
Was bisher erzählt wurde:
Im alten Südtirol, dem heutigen Trentino, breitet sich oberhalb der Stadt Trient das „Feld des Rothari“ aus, auf italienisch die „piana rotaliana“. Um das Jahr 650 herum war König Rothari der Herrscher der Langbärte, der Langobarden, der Herren Italiens. Das Königreich der Langobarden dauerte 200 Jahre und reichte in unserer Gegend bis Algund herauf. L’Italia fa gola, Italien macht Appetit, und so drückten bald die nächsten Germanen nach Süden und machten den Langobarden Konkurrenz. Es waren die Franken. Am Ende wurde das Langobardenreich von den Franken Karls des Großen geschluckt (774). Die entscheidenden Schlachten fanden in der Poebene statt. Bei uns kamen die Franken von Nordwesten her über das Vinschgau, die Etsch hinunter. In der Piana Rotaliana ging es dann hart auf hart um die Krongüter der Langobarden.
Bis heute stehen sich die Langobarden und die Franken immer noch gegenüber: in Mezzolombardo und Mezzocorona.
In dieser Folge geht es um die Namensdeutung dieser beiden „Mezzo-Zwillinge“.
Was heute die zwei Gemeinden Mezzocorona und Mezzolombardo sind, war einst die Stadt Metz am Fuß der gewaltigen Kalkwand (einheimisch „Cron“). Erstnennung Metze im Jahr 1174 vom nahe gelegenen Augustinerstift St. Michael. Im österreichischen Kaisertum hieß Mezzocorona Kronmetz, Mezzolombardo hieß Welschmetz.
Das italienische „Mezzo“ lässt sofort an Mitte denken. So wird auch das große „Mediolanum“ (Mailand) als Stadt in der Mitte der Ebene gedeutet. Das ist aber falsch. Mailand/Milano ebenso wie Mezzocorona und Mezzolombardo haben rein gar nichts mit Mitte zu tun. In beiden Fällen betrügt das Lateinische. Betrogen, weil aus ideologischen Gründen nicht der Tatsache Rechnung getragen wird, dass alle zivilisierten Zentren Norditaliens und der Alpen längst schon keltischer Besitz waren und keltische Namen hatten, lange bevor der erste Latiner den Esquilin (einen der sieben Hügel am Tiber) erklommen hatte. Das Eindringen der Kelten in Italien erst 400 v.Chr. ist aus demselben Grund falsch angesetzt. Die später siegreichen Römer haben alle keltischen Namen übernommen und sie lediglich latinisiert. Bis hinauf nach Britannien.
Der alte deutsche Name Metz/Metze, der Stadt im Feld des Rothari, lenkt dagegen die Aufmerksamkeit auf die große Stadt Metz im heutigen Frankreich, wo Papst Leo XIV. gerade predigte und großen Zulauf hatte. Metz ist keltische Gründung und wurde später Stammsitz der fränkischen Karolinger. Weiter gibt es einen Ort in Nordhessen, der Metze heißt, und in den Staaten führt die deutsche Wikipedia mindestens sechs Metz als Ortschaften an, die im Mittelwesten liegen, in Bundesstaaten mit starker deutscher Besiedlung wie Iowa oder Kansas. Das Wort Metz für einen Ort muss also eher in den keltisch-germanischen Sprachen gesucht werden, nicht im Latein. Was kann es bedeuten?
Beginnen wir bei dem großen Metz in Frankreich. Hier sagt Wikipedia, dass der Name vom gallischen (also keltischen) Stamm der – Achtung, jetzt kommt ein fast unaussprechbares Wort – „Mediomatriker“ herkommt. Dieser Keltenstamm hätte bei der Ankunft Cäsars (De Bello Gallico) in der Metzer Gegend gehaust. Doch der unaussprechbare Name ist griechisch. Wie denn das? Wieder eine besondere Geschichte, die wir uns für ein andermal aufheben. Sicher ist nur, dass auch dieses „Medio“ nichts mit Mitte oder Dazwischen zu tun hat, wie es das Lateinische suggeriert. Was dann?
Nichts Genaues weiß man nicht, aber das deutsche Grundwort „Metz“ lässt unmittelbar an einen Ort denken, an dem Essen zubereitet, gelagert, wo Vorräte aufgestockt, verwaltet und gehandelt werden. Ein „Mittel“-Punkt allemal, aber keine topografische Mitte.
Etymologisch führt die Reise von Metz zu „Mett“: Schweinefleisch, Fett; führt zu metzgern, Fleisch zerlegen, aufbereiten (auch Menschen töten, „metzeln“); wird völlig falsch auf „macellarius“, lateinisch für Metzger, zurückgeführt, in Wahrheit ist das Grundwort protogermanisch „Mat“, Essen, so wie heute noch auf Schwedisch. Auch triftig ist die Spur zu „Steinmetz“, wobei das Metz dort auf germanisch „machen“ zurück geht.
Aufschlussreicher Wegweiser zur Urbedeutung von Metz ist auch das englische „to meet“ (Quelle hier). Meeting ist ja schon ein deutsches Wort geworden. Das „meet“ kommt von, altenglisch metan, bedeutet zusammenkommen an einem Platz, ähnlich in allen germanischen Sprachen, Bsp. gotisch „gamotijan“: da fällt leicht ein ‚Mets‘ bis Metz ab.
Dazu passt jetzt der Name Kronmetz und das „Gericht Königsberg“ in der Ebene des Königs Rothari ganz hervorragend. Metz war demnach ein Krongut der Langobarden, ein strategisches Verarbeitungs- und Vorratslager für Wein, Fleisch, Holz und allen Gütern, die von den angrenzenden Tälern in der Piana zusammenkamen. Sozusagen eine große, vorindustrielle Fabrik.
Die Teilung der Stadt in „Kron“ und „Lombard“ rührt her vom Zweikampf in dieser Ebene, die sich zwei germanische Völker geliefert haben, die Langobarden als (bald assimilierte) Herren Italiens (Mezzolombardo) und die später deutschen Franken (Straßburger Eide), die zum Inbegriff der (Kaiser-) Krone wurden (Mezzotedesco alias Mezzocorona).
Fokalotti
Wie stark gewisse Ereignisse der Geschichte nachwirken, ist in diesem Fall auch im Volksbrauchtum zu sehen. Die Kronmetzer und die Metz-Lombarden oder Welsch-Metzer stehen sich nicht sehr wohlwollend gegenüber. Die Welsch-Metzer sind die „Forcoloti“, die Deutsch-Metzer die „Brusacristi“. Die Italienische Wikipedia, „Mezzocorona“ weiß: „I suoi abitanti vennero soprannominati Brusacristi per il fatto di aver bruciato una croce posta dagli abitanti di Mezzolombardo (forcoloti, poiché li inseguirono con le forche) a segnare gli argini del torrente Noce.“ Das ergibt eine weitere Etymo-Geschichte!