Soziale Mitte raus aus dem Koma?
Bisher konnte man die Dame politisch nicht ernst nehmen. Frau MORANDELL bekleidet einen Beamtenposten in der Autonomen Region Trentino-Süd-Tirol, der mit 240.000 € Jahresgehalt dotiert ist. Die Stelle wird von der Regierung vergeben. Damit gehört die Frau zur Kaste. Eingekauft. Denn was macht ein Generalsekretär der Region den ganzen Tag? Sehr viel, aber nichts, was ein Manager-Gehalt in dieser Größenordnung wert wäre. Bei diesem einen Skandal könnte man es belassen.
Nun hat Gabriele Morandell aber auch ein politisches Ehrenamt inne. Sie ist die Vorsitzende des Arbeitnehmerflügels in der Südtiroler Volkspartei SVP. Neben Bauern und Wirtschaft sind die Arbeitnehmer die Hauptseele einer Volkspartei, die in Südtirol seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges am Regieren ist und die Tiefenstruktur der Gesellschaft beherrscht.
Als die Arbeitnehmer noch die Stimme der kleinen Leute waren, schoss ihr Erfolg nach oben und so auch ihre Macht. Als sie fast alles erreicht hatten und satt waren, kehrte Stille ein. Am Ende benannte man sich schamhaft in „die soziale Mitte“ um. Erfolglos. Kein Wunder. Wenn das Haupt der Arbeiterbewegung und der sozial Schwachen auf ein 240.000 € Elite-Gehalt kommt, dann ist die Glaubwürdigkeit nicht gegeben.
Das soll jetzt anders werden. Wie die „Dolomiten“ in ihrer heutigen Ausgabe berichtet, soll Frau Morandell auf Drängen des Landeshauptmannes Arno Kompatscher (SVP-Freiheitliche-Fratelli d’Italia) ihren Beamtenposten zurücklegen.
Der Hauptmann und seine Regierungsfreunde meinen, sie müssten sich für 240.000 € im Jahr nicht auch noch Kritik an ihrer Amtsführung gefallen lassen.
Das dahinterstehende feudale Gedankengut ist – nach den unverhältnismäßigen Bezügen von so genannten „Führungskräften“ im Autonomen Land – der zweite Skandal. Die Gutsherrenart ist einfach nicht auszurotten. Bei einem Patriarchen würde man sagen, so ist er halt, aber bei einem Fürsten im Business-Anzug, der sich selbst als gerecht, weltgewandt und woke versteht, liegt die Sache anders.
Frau Morandell hat angekündigt, sich eine neue Arbeit suchen zu wollen. Das allein wäre nun nicht die Meldung wert. Was im Bericht der Zeitung zu kurz kommt, ist die Frage, ob Frau Morandell sich jetzt verstärkt ins Zeug legen will als Chefin des sozialen Flügels der SVP. Wenn ja, dann besteht Hoffnung, dass die Arbeitnehmer aus ihrem Koma erwachen.
Die sozialen Probleme des Landes sind heute andere als die vor 50 und 30 Jahren. Ganz andere. Genau deshalb ist ein neuer und radikaler Einsatz notwendig.
Fußnote
Übrigens und ganz nebenbei: Der SVP-Parteiflügel „Soziale Mitte“ hat zwei Vorsitzende, Gabriele Morandell und Andreas Pramstraller. Als sich der Chef-Kollege Pramstraller im Fall Morandell zu Wort meldet, bescheidet ihm SVP-Fraktionssprecher und Landessekretär Harald Stauder, er sei nicht in der Position („Funktion“), da mitzureden. Na dann, Prosit.