ETYMO AM SAMSTAG | DIE ROTALIANA

Samstag 26. September 2026

Im Land der Langobarden.

Im alten Südtirol, dem heutigen Trentino, breitet sich oberhalb der Stadt Trient das „Feld des Rothari“ aus, auf italienisch die „piana rotaliana“. Am Zusammenfluss von Etsch und Noce haben die Gletscher eine phantastische Geologie geschaffen. An der Nordwestflanke der von Gebirgszügen eingefassten Schwemmebene ragen hellgelbe Kreidefelsen fast senkrecht 1000 Meter in die Höhe. Im Osten liegen die Weinhügel von Lavis und Faedo. Der Italienreisende Wolfgang von Goethe nannte das Feld und die Hügel an der Ostseite die schönste Weingegend, die er je gesehen hätte. Heute ist die Piana das Hauptanbaugebiet des „Teroldego“, des Rotweins aus Tirol, der in Bayern (Würzburg) als Trollinger angebaut wird.

Auf der gegenüberliegenden Seite der Talfläche im Westen läuft die Ebene wie in einem Dreieck zusammen. Dort hat sich der Noce eine Gaul („Gola“) durch den Bergwall geschaffen, durch den er hinaus und der Etsch zu strömen kann. Der mittelhohe Bergkamm um die Gaul bildet einen Schutzwall, hinter dem sich die Hochebenen und Täler von Anaunien (Non) erstrecken, eine weitere sagenhafte und ureigene Welt in dieser vielgestaltigen Kulturlandschaft des alten Tirol. Gegen Süden verläuft die Ebene weiter der Etsch entlang, zwar etwas schmäler, aber immer noch breit und offen wie ein Königsweg. Beim „Doss“, einem Felssporn an der Westseite der Etsch, ist dann der Eckpunkt und Flusshafen der fürstbischöflichen Reichsstadt Trent (Trient, Tridentum, Trento).

Am Fuß der oben genannten Kalkwand („cron“), liegt die historische Stadt Metz (Metze). Heute ist sie aufgeteilt in die zwei Gemeinden Mezzocorona und Mezzolombardo.

Jetzt endlich haben wir den Rahmen für unsere Erzählung geschaffen.

Diese einzigartige Ebene „Rotaliana“ mitten in den Bergen ist nach dem legendären Langobardenkönig Rothari benannt. Rothari bedeutet wörtlich Rothaar. Der Langobarde wurde König Italiens im Jahr 636. Die Endung des Wortes „taliana“ bezieht sich auf „italienisch“, denn hier werden die Italiener seit Alters her „Taliani“ genannt und „talian“ ist das Eigenschaftswort dazu. So gesehen ist die Kultur- und Sprachgrenze zu Italien nicht die (im Übrigen imaginäre) Klause von Salurn, sondern eben dieses Feld des Rothari, mit dem sich die Alpen erstmals breit und weit nach Süden öffnen.

Wie wir alle wissen, haben die Langobarden im sechsten Jahrhundert Italien erobert. Ich sage immer scherzhaft, das war das erste von zwei Malen, dass die Österreicher Italien erobert haben. Denn die Langobarden waren ein germanisches Volk, das von Nordeuropa kommend lange im keltisch-römischen Pannonien sesshaft war, dem heutigen Österreich. In dieser Heimat sind die Germanen dann auch keltisch und römisch „aufgewärmt“ worden, so dass ihr Siegeszug hinunter in die Poebene und die Gründung von Herzogtümern bis tief nach Süditalien dann doch kein Einmarsch der Barbaren war, wie es das nationale Italien immer gerne darstellt, sondern ein weithin ökologischer Vorgang. Das verbindende keltische Element erklärt auch die schnelle Assimilation der Langobarden in Italien. Um das Jahr 600 herum sehen wir Pavia als Hauptstadt und den König Rothari als Schöpfer eines gemeinsamen Gesetzeswerkes für das gesamte Königreich der Langobarden (643). Das übrigens in unserer Gegend bis Algund herauf reichte.

Nur war es so, dass bereits die nächsten Germanen nach Süden drückten und den Langobarden Konkurrenz machten. Es waren die Franken. Auch sie waren längst schon gallorömisch „aufgewärmt“, muss man sagen. Die Franken kamen von Westen her über das Vinschgau, die Etsch hinunter, und trafen in der Piana Rotaliana hart auf die Krongüter der Langobarden. Es gab dort Scharmützel und Raubzüge. Am Ende wurde das Langobardenreich von den Franken Karls des Großen geschluckt (774) – nicht durch den Vormarsch entlang der Etsch, sondern weiter westwärts von Genf her. Die entscheidenden Schlachten fanden in der Poebene statt.

Im schönen Feld des Rothari, der Piana Rotaliana, stehen sich bis heute in zwei Ortschaften die Langobarden und die Franken immer noch gegenüber: in Mezzolombardo und Mezzocorona.


Fortsetzung am nächsten Samstag