EINE NEUE ITALIENISCHE PROVINZ

Mittwoch 16. September 2026

Die literarische Annexion Südtirols.

Einleitung

Wenn wir auf unsere Tiroler Geschichte zurückblicken, erscheint uns der Zusammenbruch von 1918 und die anschließende Zuteilung des südlichen Tirols zu Italien wie eine plötzlich hereingebrochene Naturkatastrophe. Ja, eine Katastrophe war es wirklich. Aber sie hatte sich lange schon vorher angekündigt.

Im September des Jahres 1906, also vor 120 Jahren, erscheint ein breit angelegter Leitartikel in der Meraner Zeitung übernommen von den „Neuen Tiroler Stimmen“ mit dem Titel „Eine neue italienische Provinz“.

Darin wird in einem kaum besorgten, sondern selbstsicheren bis ironischen Ton geschildert, wie weit die italienischen Bemühungen bereits gediehen sind, die neue Staatsgrenze bis zum Brenner an der Wasserscheide der Alpen voran zu treiben.

Der Verfasser verbindet mit seiner politischen Lagebeschreibung zwei grundsätzliche Erkenntnisse. Einmal stellt er fest, dass politische Umwälzungen, bevor sie physisch werden, von einer geistigen und publizistischen Vorarbeit abhängen. Der vorliegende Artikel ist selbst der Beweis für die Richtigkeit dieser Einsicht. Es genügt, die Schilderung von 1906 zu lesen, um in Bezug auf die Abtrennung Südtirols zu sehen und verstehen, was dann 1920 ein Faktum wird und bis heute im 2026 so weit fortgeschritten ist, dass es fast schon als natürlich empfunden wird von der Masse, die mit höherer Bildung, Geschichtswissen und Ursachenforschung sich nicht abgibt.

Zum zweiten stellt der Verfasser fest, dass die Staatsführung Österreichs, also das Kaiserhaus, den sich anbahnenden Umwälzungen durch die Nationalisten (Italien, Kroatien, Tschechei) zu gutmütig bis schwach gegenübersteht.

Beide Erkenntnisse lassen sich in einer gewissen Weise auf die europäischen Länder von heute anwenden, denken wir an die Entwicklung der Migration und das gewaltsame Aufbegehren der Muslime, der die Staatsführungen zu duldsam gegenüberstehen, während in den Zeitungen bereits klar und deutlich die Gegenbewegung Gestalt annimmt.

Im Folgenden nun einige Auszüge aus dem besagten Artikel (Quelle: tessmann.it).

MERANER ZEITUNG

Freitag, den 14. September 1906, 40. Jahrgang

Eine neue italienische Provinz in Tirol.

Unsere politisierenden Landsleute italienischer Zunge sind merkwürdige Menschen. Seit einem halben Jahrhundert mühen sie sich ab, aus dem alten Tirol ein selbständiges „Trentino“ heraus zu schneiden. Kaum haben sie es dahin gebracht, daß diese Provinz („Kronland“ würde man verabscheuen, das klänge zu österreichisch) wenigstens in der Einbildung vieler besteht, genügt dieses zwar kindliche, aber doch gefährliche Spielzeug nicht mehr. Die großitalische Tendenz weist kühnere Bahnen. Wagt man sich mit derselben nicht an Frankreich, an England und nicht einmal an die neutrale Schweiz heran, so ist doch das von jeher gutmütige, und dazu schwache Oesterreich das richtige Versuchsfeld. Ettore Tolomei zu Glèno presso Egna (Glan bei Neumarkt), der kühne Entdecker der Vetta d‘ Italia (Großvenediger) ist der Held, der mutig neue Pionierarbeit leistet. Zu diesem Zwecke gibt er das „Archivio per l’ Alto Adige con Ampezzo e Livinallongo“ heraus (das 1. und 2. Heft erschien kürzlich bei Zippel in Trient). Da der ehrwürdige Trientner Adler sich bei näherer Untersuchung als „böhmischer“, nicht als der ersehnte „römische“ Wappenvogel entpuppte, überschleicht offenbar stille Scham auch die heißesten Bekenner des „Trentino“ ob des mißratenen Wappentieres. Wie leuchtet dagegen so verheißungsvoll der Stern im Wappen von Bozen! Ist das nicht die so inbrünstig geliebte Stella d‘ Italia? Ettore Tolomei läßt natürlich seine großartige Entdeckung im Archivio auch bildlich wirken und beginnt mit starker Beihilfe der königlich italienischen Wissenschaft (siehe die stattliche Reihe der zum Teil hervorragenden Mitarbeiter) in allen Tonarten zu beweisen, daß „Bolzano“ zweifellos die Kapitale der uritalienischen Provinz Alto Adige sei, welche im Norden, ebenso sicher wie Sizilien im Süden, die Grenze des großen Vaterlandes bildet. Wie dort der leuchtende Schneegipfel des Aetna den natürlichen Grenzpfahl gegen die afrikanische Unkultur markiert, so schließen im Norden die Passi di Ròsena (Reschen) und Brennero (Brenner), die Monti d‘ Ezio (Oetztaler Berge) und Tauri (Tauern) das sonnige Italien gegen die deutsche Barbarei ab. Die Karte auf dem Umschlage der neuen Zeitschrift belehrt auch den der schönen Sprache des „si“ Unkundigen über die wahren Grenzen Italiens. Dort, wo einst das in der Geschichte nicht ganz ruhmlose Tirol südlich des Brenner lag, erblickt man jetzt die Provinzen Trentino und AIto Adige. Zu beiden Seiten derselben liegen Carinzia und Suizzera. Auch Nordtirol existiert nicht mehr. Das Barbarenland nördlich des Brenner heißt nunmehr, offenbar freundlicher Erinnerungen halber, Isbruch. Schade, daß der große Napoleon das nicht erlebte, der doch auch schon den Namen Tirols von der Karte Europas streichen wollte!

Einen großen Vorteil hat die eben erfolgte Proklamierung der neuen königlich italienischen Provinz auf dem Boden des alten deutschen Etschlandes, Eisack- und Pustertales doch, nämlich für unsere Politiker und Zeitungsschreiber zu beiden Seiten des Brenner. Kein Italiener wird im Innsbrucker Landhause oder außerhalb desselben in Hinkunft mehr den Ruf nach einem autonomen Trentino erheben und den ungläubigen deutschen Onorevoli vergeblich zu beweisen suchen, wie so grundverschieden Boden und Klima, Kultur, Recht und Sitte nördlich des Trentino sei, was eben die Notwendigkeit der Autonomie bedinge. Das Archivio per l’ Alto Adige will ja programmgemäß Heft für Heft das gerade Gegenteil auf wissenschaftlichem Wege und damit den Unsinn des Autonomiebegehrens für das Trentino zeigen. Das bedeutet auch eine wahre Erlösung für die paar noch übrig gebliebenen autonomiefreundlichen Abgeordneten aus Tirol, welchen der Tiroler Volksbund fast ebenso unbequem ist wie dem Herrn Tolomei.

Keine deutschtirolische Zeitung braucht sich mehr für die deutschtirolische Landeseinheit zu ereifern. Sie werden ja alle in der Provinz Alto Adige ebenso unterdrückt sein wie jetzt im Trentino, mit Ausnahme etwa der „Brixner Chronik“, welche nach dem bedenklich hohen Ausmaße des Lobes, das Ettore Tolomei ihrer bisherigen Politik zollt, wohl zum Amtsblatt der neuen italienischen Provinz ausersehen sein dürfte. Natürlich wird auch der „pangermanische“ Volksbund weder in Egna (Neumarkt), noch in Glorenga (Glurns), Selandro (Schlanders), Val d‘ Ega (Eggental), Nova Italia (Welschnofen), Ritenori (Ritten), Brunieo (Bruneck) usw. fürderhin Ortsgruppen haben und auch nicht mehr Gelegenheit finden, in Stèrzen (Sterzing) zu tagen.

Zum Schlusse dieser kurzen Charakteristik von Inhalt und Tendenz der neuen Zeitschrift ein ernstes Wort. Was das Archivio des Herrn Tolomei in verführerischer, anscheinend wissenschaftlicher Hülle bietet, ist der gefährlichste Irredentismus, der sich bisher an das Tageslicht gewagt. Eine so planmäßig betriebene literarische Annexion mit Hilfe der reichsitalienischen Wissenschaft wird nur leicht der Vorläufer politischer Eroberungen. Preußens Wege wurden bekanntlich auch von den großen Literaten Und Historikern zuerst geebnet und gangbar gemacht. Dasselbe gilt vom einigen Italien. Oesterreich hat diese stille, aber wirksame Arbeit zu seinem Schaden verkannt! Mögen wir heute klüger und achtsamer sein!


Der Artikel geht noch lange weiter. In derselben Ausgabe der Zeitung ist auch vom „panslawischen“ Kongress in Agram die Rede, an dem die Tschechen und Kroaten den Aufstand gegen das kaiserliche Österreich proben.