Ein Danaergeschenk.
Wenn die Demokratie Troja ist, dann ist die Briefwahl das hölzerne Pferd, in dem sich die Feinde in die Stadt schmuggeln, um sie von innen heraus zu zerstören, nachdem sie zehn Jahre lang vergebens versucht haben, die Stadt einzunehmen.
In der Demokratie ist der Wahlgang das Heiligste, was es gibt. Die Wahl muss frei sein, allgemein sein und geheim sein.
Die Briefwahl verstößt gleich gegen zwei dieser drei Prinzipien. Sie ist nicht geheim, weil sie am Küchentisch gemacht werden kann. Sie ist nicht allgemein, weil sie zeitlich verschoben ist, folglich die Abstimmenden einen anderen Informationsstand haben, wodurch das Gemeinsame im Grundsatz „allgemein“ verletzt ist.
Außerdem ist der physische Wahlgang zum Gemeindeamt oder Sprengel etwas Schönes. Weil Präsenz und Sichtbarkeit nicht nur Übersicht bedeuten, sondern auch Gemeinschaft (ohne die Demokratie nichts bedeutet).
Anspruchsvoll ist dieser Gang schon zu Kaiser Augustus Zeiten gewesen. Josef und seine schwangere Maria mussten auf einem Esel von Nazareth nach Josefs Heimatstadt Bethlehem ziehen, um ihre Bürgerpflicht zu erledigen.
Da ist es im SUV daher fahrend oder in der Zeit zwischen Teneriffa- und Mallorca-Urlaub wohl sehr viel leichter und machbarer, die eigene Stimme höchstpersönlich zusammen mit allen anderen Wählern abzugeben, um a gscheide Politik zu belohnen oder bei Notwendigkeit eine dumme abzuwählen.
Ganz entscheidend: Das Gebot der geheimen Wahl ist nur in der Wahlkabine unter strenger Aufsicht der ehrenamtlichen Stimmenzähler und Wahlbeobachter wirklich gewährleistet.
Man will ja niemandem etwas unterstellen. Aber die Kritiker sprechen nicht ganz umsonst von sogenannten „engagierten Verwaltungsmitarbeitern“, etwa in Kreisämtern oder Pflege- und Altenheimen, die in Versuchung geraten könnten, bei der Briefwahl fürsorglich zu „helfen“.
Tatsache ist jedenfalls, dass bei der jüngsten Landtagswahl in Sachsen-Anhalt die Wahlbehörden hunderte Wahlbriefe doppelt verschickt haben und ein bewiesener Briefwahlbetrug gerichtlich geahndet wurde.
Tatsache ist auch, dass in Sachsen-Anhalt die Ergebnisse der Briefwähler sich eklatant von den Ergebnissen der Urnenwähler unterscheiden (siehe HIER). Der Unterschied ist so krass, dass man ein großes Fragezeichen setzen und genauer hinschauen muss.
Sicher ist es nicht damit getan, die Ungereimtheiten der Briefwahl pauschal als Fake-News im Netz und als Verschwörungstheorien zu diskreditieren.
Wer Demokratie ernst nimmt, sollte die Briefwahl in der heutigen permissiven Form abschaffen und nur in genau umrissenen Fällen zulassen in einer Methode, welche die Wahlkabine im Sprengelsitz „imitiert“.
Es ist klar, dass in einer liberalen Konsumgesellschaft ohne gemeinsame Prinzipien diese Forderung nicht auf Gegenliebe stößt und von Berufspolitikern, die in Quartalserfolgen denken, auch nicht angestoßen werden wird.
Aber sagen, was richtig ist, und beschreiben, was geschieht, ist so spannend wie zu Homers und Yeshuas Zeiten.