Wie weit war die Etsch schiffbar?
Phantastisches Mals
Die Etymo-Folge „Mals und die Hoad“ hat einen waschechten Hoader bewogen, mir zu schreiben. Er findet die Überlegungen „spannend“. Anregen, nicht belehren, genau das bezweckt meine „Etymologia phantastica“. Ob ich Informationen hätte zur antiken Stadt Mals? Ja, das mit der antiken Stadt Mals ist ziemlich sicher, dafür sprechen nicht nur die sieben Kirchen von Mals, Mals wurde die „Siebentürmigen“ genannt (viele Heiligtümer sind umgewandelte Kultstätten auch aus vorrömischer Zeit), die dichte keltisch-romanische Bebauung und die vielen Marmorfunde bis hinunter nach Laatsch (der Christian, das Laatscher Original von der Eisenbahnwelt in Plaus, sagte mir, „wenn i ban eardepflsetzn afn åcker jeds moll olls aft sait tat, wos i ausgrob, nor hatt i a museum drhoam“.)
Wie weit war die Etsch schiffbar?
So verhält es sich auch mit dem vom Hoader angemeldeten und berechtigten Zweifel, ob denn die Etsch tatsächlich bis Mals (Glurns) hinauf schiffbar war. Man kennt den Etschhafen in Branzoll unterhalb von Bozen, der allgemein als wichtiger Knotenpunkt der Schifffahrt auf der Etsch gilt. Aber es besteht kein Grund anzunehmen, diesen als Endstation (Caput, von unten herauf) zu verstehen. Außer natürlich für die Güter nach Nord-Osten, klar, die Eisackschlucht war da ein starkes Hindernis. Westwärts ging es aber weiter: Die Etsch herauf bis Meran wurde beschifft und auch die langen, flachen Talbereiche im breiten, fast ebenen Vinschgau-Tal bieten sich für Kähne oder Flöße an.
Die Flussinstandhaltung
Dazu kommt etwas, woran heute kein Mensch mehr denkt: die Instandhaltung der Wasserstraße oder die Kanalpflege, sozusagen Flusspflege wie Fußpflege. Diese Instandhaltung wird seit Jahrhunderten nicht mehr geleistet. Dafür hat man seit Kaiserin Maria Theresia begonnen, die größeren Flussläufe in Kanäle mit befestigtem Bachbett umzubauen, nicht für den Wasserverkehr, sondern um urbares Land zu gewinnen. Als dies vollendet war, hatte die Eisenbahn bereits die Hauptrolle im Warenfernverkehr übernommen.
Wer heute bei Glurns in die Etsch schaut und dort einen schütteren Bach voller Steine sieht, hat nicht den glatten und satten Wasserlauf von einst vor Augen. Erstens war im Altertum mehr Wasser (und kein Stausee zur Stromgewinnung), und zweitens wurde die Etsch soweit hinauf es vom Gefälle her ging, so wie die Äcker auch von Steinen befreit. Sandbänke wurden ohnehin abgetragen für den Hausbau (Schottergruben gab es nicht). Die Instandhaltung der Wasserstraße Etsch war wohl immer noch billiger als die alte Heeresstraße Via Claudia Augusta für den Warenverkehr in Schuss zu halten. Selbst wenn man für die beiden Fallstufen der Etsch bei Göflan und ab Töll bis Algund auf Fuhrwerke umladen musste. In der Tat, die Landstraße verkam und ist nur mehr für Archäologen eine Realität.
Die Knotenpunkte
Für die vermutete Realität der Wasserstraße Etsch im Vinschgau sprechen auch die Orte Glurns Stadt, Laas und Göflan, Latsch und Kastelbell, Staben und Töll/Partschins. Glurns, ganz oben, eine Stadt, der Knotenpunkt zum Erz-Pass Fuorn; dann Laas und Göflan, sichtbar keine Bauerndörfer, die Umladestationen am Anfang und Ende des ersten Gefälles, zusätzlich Verladestätten für Marmor; dann Latsch und Kastelbell, an der zweiten Engstelle des Latschander-Grabens; dann Staben auf der Etschgeraden als Verladestelle von Holz und Erzen aus dem Schnalstal; und ganz unten, am Schluss des geografischen Vinschgau, die Zollstation Töll/Partschins, wo die Fuhrwerke warteten, um die Waren aus dem ganzen Tal umzuladen und sie im weiten, sanften Bogen über Plars nach Algund oder Untermais hinunter zu bringen. Von da an konnte alles sicher auf Flöße oder Kähne zurückgeladen werden und ohne technischen Unterbruch bis hinunter nach Venedig geschifft werden, über den Brenta-Kanal, nur als Beispiel.
Keine Gewähr
Grundsätzlich geht es bei mir nicht um die Wiedergabe lexikalischen Wissens als vielmehr um Vorstellungskraft entlang weniger, aber fester Tatsachen. Ähnlich wie sich die Weinrebe an Pfählen und Stangen von allein emporzieht und dem Finder ein paar süße Trauben übrig lässt. Den Nachweis oder die Widerlegung der „Etymologia phantastica“ überlasse ich im Fall den Berufsforschern. Meine Leser erfreuen sich an den Möglichkeiten und Geheimnissen einer etwas anderen Landeskunde.