CHOLERA AM 12. AUGUST 1836

Mittwoch 12. August 2026

Das Tagebuch des Johann A. Jordan.

12. August 6 Uhr.

Heute morgens hörte man schon von Todesfällen in Mais und Algund. Wie an einem Feiertag ziehen viele Leute hin und her. In der Stadt ist noch alles öffentlich gesund. Um 8 Uhr kam die Nachricht, daß gestern drei Personen in Mais und eine Person im Choleraspital auf der Mauer an der Passer gestorben sind.

Unter ersterem befand sich der junge Gruber, der holte um 5 Uhr abends für seinen alten, kranken Vater Medizin in der Apotheke. Auf dem Heimweg ergriff es ihn und er starb in wenigen Stunden. Von Algund hört man schlechte Nachrichten, von vielen Toten und noch mehr Kranken. Die Leute murren, denn nirgends sieht man einen Beistand, der Landrichter sagt, daß besondere Anstalten nicht erlaubt seien.

4 Uhr nachmittags. Man versieht selbst mit letzter Ölung zwei Cholerakranke in der Stadt, ein gemeines Mädel sowie eine Schloßmeisterin. Letztere war um 10 Uhr Vormittag noch beim Brunnen, eine Viertelstunde hernach schon im Bett. Ich erzähle hier bloß einige Mängel. In Algund ließ man beim Pföstlhofer das Weib vier Tage lang liegen, um beide zugleich beerdigen zu können.

Die Totenmahle, Pitschen, mußten aber getreulich gehalten werden, zumal der Pfarrer den Wein hiezu in seinem Widum verkauft. Das Lauten und Schellen hat kein End, immer noch hält man Prozessionen ab, anstatt sie zu verhindern.

Für Arme tut man nichts, sodaß ein Huter gestern bei uns bald verhungert wäre. In keiner Weise geschieht eine Aufmunterung, Anweisung oder Aushilfe. Ich erfahre soeben, daß viele Leute, besonders Mädchen das Abweichen mit Grimmen haben, bloß aus Furcht.

Ungeachtet des zweimaligen Regens ist es dunstig, 20° Wärme im Schatten, die Nachtlüfte sind kühl.

9 Uhr vormittags. Man hört von keinem neuen Falle, man bekümmert sich bereits weniger um die Nachbarschaft, da man zu sehr um die Stadt besorgt ist. Schon vor sechs Tagen ergaben sich auf Völlan vier Cholerafälle in einem Hause, aber durch die schnelle Hilfe des Kuraten, der ihnen Theriak und Schweißen verordnete, wurden die Kranken gerettet. Auch in Aschbach ist die Krankheit aufgetreten.

In der Quelle (siehe Fußnote) ist der 12. August gleich anschließend noch einmal vermerkt, wie folgt:

12. August 5 Uhr früh.

Gestern nachts starben hier zwei Personen, eine Magd, die um 5 Uhr abends noch gesund war und eine alte Bäuerin wegen Schwäche. Überhaupt muß bemerkt werden, daß die Cholera alle bresthaften Leute vor den gesunden ergreift.

7 Uhr vormittags. Die vorgenannte Magd trug eine Kreb Brot zum Malanottihof in Tscherms. Dabei bekam sie sehr warm, trank dann in der Hitze in Tscherms etwas Wein, worauf sie heimwärts bereits Halsschmerzen verspürte. In der Stadt ward sie vollends von der Krankheit ergriffen, sie fiel im Abtritt zusammen und jede weitere Hilfe war umsonst.

10 Uhr. Im Landgericht hält der Kreishauptmann mit dem Distriktsarzt Dr. Gasteiger, mit zwei Magistratsräten, dem Pfarrer und Landrichter eine Konferenz, an welcher der Bürgermeister nicht teilnahm. Es wurde endlich einiges erzweckt. Es soll nämlich künftighin die Sterbeglocke nur mehr zweimal im Tage geläutet werden. Für die Choleratoten wird nicht mehr Schiedum und auch nicht mehr zum Begräbnisse geläutet. Die Toten werden in der St. Leonhardskirche ausgesetzt. Als Begräbnisstätte wurde der Platz an der Kapuzinermauer auf der Steinhuberwies bestimmt.

6 Uhr nachmittags. Obige Magd wurde soeben ohne Geläute auf dem Freithof begraben, desungeachtet gingen viele Leute mit der Leiche. In Mais hat es mehrere Personen heftig gepackt, in Algund hat es etwas nachgelassen.


Fortsetzung folgt

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QUELLE

 

Das Seuchentagebuch von Jordan wurde vom angesehenen Heimatkundler Richard Staffler einer breiteren Leserschaft zugeführt in dem Buch: Meran: hundert Jahre Kurort 1836 – 1936 ; Festschrift der alten Hauptstadt des Landes zum hundertjährigen Bestande als Kurort, hrsg. von Bruno Pokorny, 1936, Innsbruck Verlag Wagner. Der Aufsatz nennt sich „Das Cholerjahr 1836 im Burggrafenamte. Von Richard Staffler.“, Seiten 59-68.

Das Manuskript „Die Cholera in Meran und Gegend im J. 1836“ mit der Bezeichnung ß 42/4 erliegt im Meraner städtischen Museum, notiert R. Staffler.

Ermöglicht hat diesen Beitrag die Landesbibliothek Friedrich Tessmann mit der Digitalisierung ihres Bestandes, dafür herzlichen Dank.


Anmerkungen

„besondere Anstalten nicht erlaubt“ = Vorkehrungen, Maßnahmen

„ein gemeines Mädel“ = gewöhnliches

das Abweichen mit Grimmen = Durchfall mit Bauchweh; „Abweichen“ in der Bedeutung dünner Stuhlgang findet sich nicht einmal mehr im Internet!

Pitschen = Totenmahl

Abtritt = Klo

„Dabei bekam sie sehr warm“ = Umformung von dialektal „wårm kriagn“; hochdeutsch: „wurde ihr sehr warm“

Theriak“ = seit der Antike gebräuchliches Universalmedikament, alles dazu in Wikipedia

das „Schweißen“ = Schwitzkur

Schiedum“ = Schiedum läuten (tirolisch) = Schiedläuten, Scheideläuten = Glockengeläut beim Hinscheiden eines Gemeindemitglieds am Todestag oder vor der Beerdigung zu Mittag