EUROPA IST WOHLSTANDSMÜDE

Donnerstag 23. Juli 2026

Schrumpfen, aber richtig!

Wärst du nicht reich, dann wär‘ ich arm. Das ist die Umkehr eines berühmten Spruchs von Bertolt Brecht, der geschrieben hatte: „Wär‘ ich nicht arm, wärst du nicht reich.“ Brecht meint, der Reichtum sei wie eine zu kurze Decke, die nicht Brust und Zehen gleichzeitig wärmen kann. Oder wer reich wird, tut dies auf Kosten eines Armen.

Aber wir wissen: Reichtum erzeugt Reichtum, und Reichtum streut. Wer reich werden will, muss etwas tun, das anderen nützlich ist. Ob aus Gier, Eitelkeit, krimineller Energie, einerlei (es muss nicht immer harte Arbeit sein). So oder so, heute zirkuliert das Geld zur Potenz. Der industriell erzeugte Reichtum ist eine stetig wachsende Decke. Jenseits der wenigen Superreichen und der immer mehr werdenden Millionäre wächst der Wohlstand auch der mittleren und unteren Schichten. Weltweit.

Während die Welt vor Optimismus platzt, macht sich in Europa eine gefährliche Wohlstandsmüdigkeit breit.

Schon länger hin, aber verstärkt in letzter Zeit, häufen sich Stimmen, die ein weiteres wirtschaftliches Wachstum radikal in Frage stellen. Diese Stimmen kommen nicht von den Armen und Ärmsten, auch nicht von den ganz Reichen. Die Stimmen gehören wohlbezahlten Journalisten und Meinungsmachern, beamteten Intellektuellen oder bestversorgten politischen Funktionären der Ökodivision, insgesamt aber der Generation der Erben und Nacherben nach dem großen Aufbau ab 1945.

Vom Sofa aus kritisieren diese Leute den Kapitalismus, befürworten eine Vermögens- bzw. Erbschaftssteuer („tax the rich“), beklagen sich über „Overtourism“ genauso wie über die vollen Clubs und Strände und Staus, die sie selber verursachen. Die Klimabewegten sehen sommerliche Wetterextreme sogar als himmlische Strafe für ihr freies Wohlleben. Zugleich haben sie schon das Heilmittel parat. Es ist das so genannte „de-growth“, das negative Wachstum, frei nach der Devise: Weniger (Masse) ist mehr (Qualität). (Gemeint: für mich).

Bezeichnend ist, dass diese Stimmen genau aus der Ecke kommen, die vom sozialen „growth“ der kapitalistischen und industriellen Reichmachermaschine am meisten profitieren. Diese neuen Mittelständler haben jetzt Ansprüche. Sie möchten genießen, aber nicht mit allen teilen. Möchten exklusiv sein und sich nicht in der Masse drängeln müssen. (Übrigens: Auf diesem Holz wächst die grüne Verbotskultur).

Verzichten? Sparen? Mit weniger zufrieden sein? O nein. Das ist was für alte Zöpfe. Sanft, smart, bio, nachhaltig – dann geht alles. Wie soll dieses wundersame „de-growth“ genau funktionieren, ohne dass ein anderer arm wird? Es wird das Geheimnis dieser Modedenker bleiben.

Ja, wir werden in Europa schrumpfen müssen, weil wir beim Nachwuchs schrumpfen. Und weil Europa seit 2020 eine ganz falsche Politik betreibt.

Dieses Schrumpfen wird kein Rosinenpicken sein. Wenn bei der Lokomotive Europas (Deutschland) bald Millionen Arbeitsplätze wegfallen, während die Lokführer ungebremst Schulden-Euros verheizen, dann ist der Zeitpunkt nicht mehr fern, dass weniger auch weniger ist. Auch die Damen und Herren Kulturredakteure und Kolumnisten werden das schmerzhaft spüren und andere Töne auflegen.

Alles worum es noch geht, ist, ob es ein wildes Schrumpfen mit bürgerkriegsähnlichen Zuständen sein wird, oder ein geordnetes Schrumpfen. Für Letzteres braucht es politische Kräfte jenseits der Brandmauer.