Folge 9: Das VEN-Volk.
Oder: Was den Vinschgau mit Venedig verbindet.
Im Vinschgau wird erzählt, dass die Holzpfähle, auf denen Venedig steht, von den mächtigen Lärchen stammen, die im Vinschgau gefällt und über die Etsch nach Venedig geflößt wurden. Daher sei der „Vinschger Sonnenberg“ (die Nord-Bergflanke des Ost-West-Tales) kahl und eine fast schon mediterrane Macchia. Sicher ist etwas dran an dieser Legende, aber das ist nicht die einzige Verbindung des Vinschgau mit Venedig. Man möchte meinen, die beiden „Venediger“-Spitzen in der Ortlergruppe seien zu Ehren der Dogen-Stadt und Königin der Adria benannt worden. Nein, die Verbindung liegt viel tiefer.
VEN hat tiefe Wurzeln
In der Historia Phantastica der Kelten versuche ich spielerisch anhand der Wortarchäologie nachzuzeichnen, dass es in Mitteleuropa, auch in unseren Alpentälern, eine vorrömische und zwar KELTISCHE Kultur gegeben haben muss, die an Orts- und Siedlungsnamen wie VEN VIN FIN usw. erkennbar ist. Ich halte diese Kultur weder für mediterran (etruskisch, rätisch) noch für pelasgisch/illyrisch/slawisch, sondern für keltisch.
Die alten Römer haben auf ihren Steintafeln das (gesprochene) U (Ue) als V abgebildet. Von Tarneller weiss ich (U = W). Also geht Wenesia (Uenesia) ohne weiters für Venezia (Venedig). Und Wenesgau (Uensgau) für Vinschgau. Dann müssen wir annehmen Wines(gau), Wenes(ia) oder Uenes(gau), Uenes(ia). Es muss vor der römischen Zeit in Mitteleuropa ein Volk oder eine Kultur gegeben haben, die auf die von den nachfolgenden Römern in der Grundform Uen-, Wen-, geschrieben Ven-, Venn-, Win-, Fin- lautete. Das Ven-Volk! Ist gleich Wenden. Ist gleich Kelten. Nun erschließen sich plötzlich weit auseinander liegende Orts- und Völkernamen im Großraum der Alpen und in ihren Vorländern oben und unten. Ich suche auf der Landkarte Namen auf Vin/Fin/Ven/Uen/Wen/Win/Fenn u. ä.
Die Wenden
Wenden werden in (A) Windische genannt. Meint heute «Slawen». Nur: Das Wort ist eine Verdeutschung von Wenedi, Venethi aus der Antike. (Mittelalter: Fürst Walluch in einer „marca vinedorum“ (Wendenmark) zwischen Pannonien und Baiern“ ( wikipedia). Der Name Walluch riecht verdammt keltisch. Die Bedeutung «Slawen» ist offensichtlich erst später entstanden.
Die Veneter
Das Erste, was einem bei VEN in den Kopf kommt, sind die alten Veneter. „Ven“ passt, Veneter ist aber irreführend. Der Wikipedia-Eintrag „Wenden und Veneter“ sagt: Wenden (Ersterwähnung 600 AD) geht auf Venethi zurück. Von den üblichen «Römern» (Tacitus, Herodot, Plinius) wurden Völker im Nordosten (an der Weichsel) aber auch im Nordwesten (Gallien) Veneter genannt. Julius Caesar hielt sie für keltische Stämme! Auch jene Veneter, die in Norditalien saßen. Ausgrabungen in Este bei Padova haben rund 700 Steininschriften mit einem etruskisch-ähnlichen Alphabet zutage gebracht. Die Forscher meinen, dass die aufgezeichnete Sprache indogermanisch sei. Was zu den Kelten passen würde. Nicht aber die Steininschriften, denn die Kelten wollten schriftlos sein.
Ideologische Irrfahrt
Jedenfalls haben italienische Forscher erfolgreich die Mär von den «Paleoveneti» als erste Siedler des Veneto aufgebaut. Die mediterrane Spur verstärkend, zeitlich aber völlig unpassend, pflegen sie die Sage, dass die Paläoveneter vom Troja-Helden Antinor abstammen. Diese Forschung samt Legende fällt in die Tradition des italienischen Nationalismus. «Veneter» ist ein Kunstname, welcher den Zweck erfüllen soll, eine lückenlose Abstammung der modernen Venezianer von einer vorkeltischen und auf gar keinen Fall germanisch kontaminierten Volkswurzel zu beweisen. Die Irreführung liegt darin, dass das keltische Substrat Norditaliens bis zum Verschwinden heruntergespielt wird. Lieber nehmen die Italiener ein phantomatisches Urvolk aus dem Mittelmeerraum an, um die Italianità des heutigen Veneto ideologisch zu festigen.
Wenden sind Veneter sind Kelten
Venezia, Vin-(sch)-Gau, das win-dische Vindo-bona, und Augsburg als „Augusta Vindelic-orum zeichnen ein geografisches Dreieck der Kelten-Kultur. In der Liste der Namen auf Ven-, Vin-, finden sich keltische (gallische) Elemente. Städtenamen etwa enden auf -bona, -tia, -durum, -dunum. Der keltischen Spur folgend, lassen wir VEN/WEN auch als WEL/WAL gelten. Woraus sich die Bedeutung Walch, Welsch, Wals(er) ergibt – allesamt Namen für das keltische/gallische Volk.
Einige VEN-Namen
Venezia (Winetia, Vennetia, Uennetia wie Lutetia (Paris)
Vicenza (Vincenzia, Uenkentia gallische Endung wie Lutetia (Paris)
Verona (Wendorbona, Weraun, Beren, Bern)
Wien (Vindobona – nicht Weinstadt! Bona = Wohnen; Stadt der Venethi, Venones)
Augsburg (Augusta Vindelicorum, Stadt der Vindeliki, Uendeliki)
Villach (nicht Villa ad lacus, See, sondern Uennen-, Vindeli-lacus)
Vinschgau (Windischgau, Uennes(gau), Fines(gau), Vinsgowe)
Finstermünz (Zollstelle zum Fines-Gau)
Nauders (ursprünglich Vinauders)
Vinaders (Ort am Brenner, urspr. Vinauders)
Venediger (Spitze bei Laas; Finis(ger), Wend(iger), Uennaun wie Similaun)
Finail (Berghof im Schnalstal; Uinnail, Vin-ail)
Finele (Tal, Bach; Fin-aila)
Fiss (Ort; Fin-gis (gis, ges, gass = Sitz, Kultstätte)
Funges (Hof in Naturns; Uen-ges, Wun-ges, -gass, -gis = Sitz, Kultstätte)
Plawenn (Pla-uennu; Platz des Uennu)
Vipitenum (Vinne-petaun, Wippetaun)
Wipptal (Uennep…)
Wangen (auf dem Ritten; Uenngan)
Wengen (im Gadertal; Uenngan)
Wenin (Familienname Ulten) Uennaun
Vellau (Höhenort bei Meran; Wenlaun, Finlaun)
Vigo de Fascia (nicht vicus! Uenico, Walschaun)
Vezzano (bei Trient) = Vetzan <= Uenetian
Fennberg (Uenn(berg), Wenberg)
Feldthurns (Ueltidurun, Weldurun)
Veltlin (no Val Tellina! Weltlaun)
Fiums, Vi-ums
Fiume, Fi-ums
Feltre, Finailtres
Finsterwalder (bayr. FN)
Vilpian (nicht villa piana ec.) Uinnaplaun
Villanders
Vintl
Windisch (Familienname)
Windische = Wenden
Wenden (alte Volksgattung) Uennes, Venones, Wenetikes, Finailes
Veneter Uenn-estes, Wennetios, Venetiki, Fennes, Finetes
Venostes Uenestes, Finestes, Finostes
etc. etc.
Was bedeutet VEN?
Ist es die Stammsilbe eines Namens, den sich ein ethnisches Volk selber gegeben hat? Eher nicht. Gehe von etwas Heiligem aus, einer Gottheit etwa, dem sprachverwandte Völker ihre jeweiligen «topografischen» Totems gesetzt haben. Aufgrund dieses übernationalen Kultes wurden einzelne Völker von anderen (wie den Römern), nach- oder besser «über»-benannt.
Der Stamm Vin/Fin/Ven/Wen ist auch als Prädikat denkbar, vergleichbar mit unserem «Sankt». Ich postuliere rein hypothetisch eine Göttin Fina und einen Gott Uenno, dazu ein «Sancta» = Fin und ein «Sanctus», Uen (Ven auf romanisch). Mit dieser kreativen Leitidee verwerfe ich (vorläufig) allzu bequeme Namenserklärungen der Römerschule wie Vinum (Wein), Vis (Kraft), Villa (Gutshof), Vicus (Dorf), Venator (Jäger), Venus (Göttin)… Zu beachten sind auf das Ven/Vin/Uen aufgesetzte deutsche Assoziationen wie Wind, Feld, winden (ranken), wenden (umdrehen), und das Wort Wenden für die Volksgattung. (Bedeutete ursprünglich nur «Fremde» oder die «Anderen», ähnlich wie unser «Wallisch» für Gallier. Einen Grenzfall bilden Namen, die klar auf Kelten hinweisen, mit Namensteilen wie/Gall-/ Wels-/Wal-/. Im Grenzfall könnte ein Fel/Fen oder Ve- sowohl «venetisch» auf Ven/Fin als auch auf «keltisch» Wal/Wel gebogen werden.
Nächste Folge von ETYMO AM SAMSTAG: Die phantastische Geschichte der Kelten. Folge 10 und Schluss: Das BREN-Volk.