Slow Food, ein Geniestreich.
Carlo Petrini aus Bra im Piemont ist eine wundersame Persönlichkeit, wie sie nur Italien hervorbringt. Sohn eines Eisenbahners, studiert Carlin, wie er genannt wird, Soziologie in Trient in den Siebziger Jahren, was soviel heißt, dass er rot und revolutionär war bis über den Bart und beide Ohren.
Am Ende seines Lebens aber, das zum Sprechensturm- und Feuerzungen-Fest Pfingsten im Jahr 2026 kam, war Carlin ein Grandseigneur.
Der Schöpfer und Herr von «Slowfood International» mit Sitz in Paris, gegründet 1989.
Paris statt Rom und Grandseigneur statt Gentleman, Sir, Cavaliere, das ist kein Zufall. Denn auch das ist Italien: Piemont ist die französischste, die gallischste Region südlich des Alpenbogens. Hat sich in Geist*, Industrie, Essen und Wein immer schon an Frankreich ausgerichtet – und so auch der geniale Petrini.
Doch die Geburt von Slowfood, seiner Bewegung, die geschah im Herzen von Rom.
Als Mitte der Achtziger Jahre die amerikanische Imbisskette MacDonalds einen Laden an der spanischen Treppe aufsperrte, gab es wilden Protest seitens der antikapitalistisch und antiamerikanisch eingestellten Linken. Hamburger im heiligen Tempel der mediterranen Küche? Das durfte nicht sein. Es gab Sit-Ins gegen den «Fast Food» der Amerikaner. Auf der Piazza Navona vor der industriellen Frittenbude wurden Spaghetti gekocht. Von Roten, in roter Sauce. Zufleiß und das Gegenteil von «fast», schnell.
Carlin war nicht nur mit dabei, er war Feuer und Flamme.
Es kam die Idee, den revolutionären Genuss-Protest «Slow Food» zu nennen.. War es nicht Carlin selber, so ist doch er der Erfinder der positiven Gegenbewegung, die als Slow Food zur Marke der europäischen Genießer wurde.
Petrinis Kernidee einer regionalen und handwerklichen Küche, die Bevorzugung authentischer, in ländlicher Tradition gewachsener Lebensmittel und die bewusste Ausrichtung von genussvollem Essen und Trinken nach der Vielfalt und dem Geist der jeweiligen Orte – aus dieser Kernidee wurde die Großbewegung Slow Food. Carlin war ihr Gesicht und ihr Papst.
In seinem «Salone del Gusto» in Turin zeigte und lehrte Petrini, wie langsamer Genuss mit Echtheitssiegel geht. Der Salone ist seine Schöpfung und zugleich seine Universität, von der aus Carlin sein Slow Food mit Leben und Inhalten füllte und so das Verständnis von Essen und Trinken revolutionierte.
Essen als Revolution? Ein italienischer Geniestreich, Carlo Petrini der Autor.
Schaut man sich heute die Werbungen und Speisekarten der Esslokale in Südtirol an, so überbieten die sich in Slow Food. Alles, regional, die Weine autochthon, Wildkräuter (gerade jetzt im Mai), fast vergessene Sorten an Gemüse und Obst wieder da. Krasser Gegensatz zum ölgetränkten Einheits-Panierschnitzel früherer Zeiten.
Der berühmte französische Koch Alain Ducasse (fast schon Namensvetter von mir) ehrte Carlo Petrini weltweit, als er 2004 die Welt wissen ließ: «He’s a seducer, the Don Juan of the food world. He has changed the way we think about eating.» **
Nicht nur der kulinarische Olymp, auch die ehemaligen Revoluzzer zollen dem Meister aus Piemont bewundernde Anerkennung: «Calamitava i cuori e le menti». ***
Fussnoten und Quellen
* Geist: Das heutige, nach napoleonischem Vorbild unitarisch regierte Italien ist das Werk des französisch gesinnten Piemont, Stichwort Cavour und Savoyen.
** Alain Ducasse über Carlin 2004 in time.com
*** Luca Gargano in «Carlo Petrini, rivoluzione» rollingstone.it, 22 maggio 2026
Bild Petrini aus slowfood.it
Das Titelbild ist von mir.