Parade zeigt Wende in Russland an.
Ehern und unfehlbar wie immer schlug das mächtige Uhrwerk am Kremlturm Zehn Uhr am 9. Mai 2026. Beginn der Militärparade am Roten Platz am 81. Tag des Sieges.
Jenseits des hohen Zweckes, die Erinnerung an den großen Krieg und seine Opfer aufrecht zu erhalten, ist die Parade der Garnison Moskau vor dem Oberbefehlshaber ein beeindruckendes, martialisches Ritual, das gerade wegen seiner alljährlichen, mechanischen Gleichförmigkeit die Spuren des Wandels umso deutlicher erkennen lässt.
In der Sowjetzeit zählte und studierte man die Köpfe auf der Ehrentribüne, um zu verstehen, wer nun im kollektiven Machtapparat aufgestiegen, abgestiegen oder gar verschwunden war. Es war die Zeit, als man die Prawda nicht auf, sondern zwischen den Zeilen richtig las.
Dies allein schon zeigt, welch epochalen Wandel Russland seit dem Fall der Berliner Mauer bewältigt hat. Die Ehrentribüne ist klein geworden, fast familiär, die Kommandeure nehmen fahrend in den – Mercedes, hasta la vista – Staatskarossen MO 0001 und MO 0002 mit offenem Verdeck die Ehrenformationen ab, die Musiker haben Saxophon, und die Frauenregimenter geben dem Defilee vor den Staatschefs ein prächtiges, fast fröhliches Gepränge.
Doch halt. Marschierende Frauen in weißen Röcken und schwarzen Stiefeln? Eine Augenweide. Heuer gab es keine. Sie fehlten. Deshalb wirkte die Parade so traurig.
Und wenn man zweimal hinschaut, wirkten auch die Mienen der strammstehenden Soldatenmänner anders als das Jahr zuvor, bei der glänzenden Jubiläumsparade zum 80. Jahrestag des Sieges. Diese Mienen waren ernster und zugleich aufgelöster, sprechender. Das Ura war beeindruckend wie immer, aber nicht mehr so voll und schmetternd.
Die Rede des Präsidenten glitt öfter als sonst ins Sentimentale ab, und endete mit der trotzig herausgepressten Formel: „Der Sieg wird immer unser sein“ – so, als ob der reale Sieg in der Ukraine verloren, dafür aber der historisch-moralische Sieg im Zweiten Weltkrieges für immer außer Frage stünde. Das Auffahren der Kriegsfahrzeuge und Raketen unterblieb, es wurde durch ein Video ersetzt.
Was aber wirklich Besorgnis erregt, ist das Fehlen der Frauen.
Erste Frage: Hat der Clown von Kiew wirklich so viel Macht, dass er mit einem abgeschmackten Spass den Ablauf des Nationalfeiertages in Moskau diktieren kann? Bekanntlich hatte Selenski mit einem Staatsdekret die Siegesparade „genehmigt“, sprich, zugesagt, keine Drohnen-Attentate für die Dauer der Zeremonie und den Perimeter des Kreml zu unternehmen.
Zweite Frage: Oder nagt der Ukraine-Krieg bereits bedenklich an der Substanz Moskaus? Alle Zeichen sprechen dafür.
Dazu passt die Erklärung Putins in der anschließenden Pressekonferenz, die Spezialoperation in der Ukraine neige sich dem Ende zu und er wünsche sich Gerhard Schröder als Friedensvermittler.
Doch wer meint, das seien Anzeichen von Schwäche, der täuscht sich gewaltig. Russland will und muss diesen Krieg beenden, das hat die Parade und das Fehlen der Frauen ganz deutlich gezeigt. Aber es wird kein Rückzug sein und kein Triumph des Westens.
Vielmehr denkt man in Moskau offen über ein „Endgame“ nach (hört Kaganow). Also wie man dem ermüdenden Spuk ein schnelles und unzweideutiges Ende setzen kann. Die Mittel sind da. Putins Russland kann und will dem Trump und den Euro-Zwergen ein für allemal zeigen, wo der Hammer hängt – und die Sichel!
Das Uhrwerk im Kreml-Turm schlägt bald Zwölf.