„Tradition, die man zum Schweigen bringt, stirbt nicht – sie weint“
Von Christian Steger
Das in Vahrn ausgesprochene Böllerverbot von Bürgermeister Andreas Schatzer lässt mich als Exerzierreferent des Pustertals aufhorchen. Denn wer behauptet, das Böllern sei „nicht mehr zeitgemäß“, trifft nicht nur eine Kompanie. Er trifft ein Stück Tirol, das in unseren Tälern gewachsen ist, wie die Höfe, die Kirchen und die Menschen selbst. Man kann eine Kanone zum Schweigen bringen – aber nicht das, was sie bedeutet. Denn wo Tradition verstummt, beginnt etwas in uns zu zittern.
Wenn die Kanone feuert
Als Verantwortlicher für das zeremonielle Protokoll weiß ich: Das Böllern ist kein willkürlicher Knall. Es ist ein rituelles Element, das seit Jahrhunderten die höchsten christlichen Feiertage und die Vorabende von Hochzeiten begleitet. Wenn die Kanone feuert, dann öffnet sich ein Raum, der größer ist als der Moment. Der Knall trägt Erinnerung, Würde und Tiefe. Er hebt das Festliche aus dem Alltag, er lässt Geschichte hörbar werden. Eine Feier ohne dieses Echo verliert einen Teil ihrer Seele – so wie ein Lied ohne seinen ersten Ton.
Merkwürdiges Ungleichgewicht
In der aktuellen Diskussion werden Argumente rund um Tierschutz und Ruhestörung oft selektiv eingesetzt. Während Schwerverkehr, Baustellen und touristische Großereignisse als unvermeidbar gelten, wird ein Brauchtum infrage gestellt, das an wenigen Tagen im Jahr für wenige Sekunden hörbar ist. Es ist ein merkwürdiges Ungleichgewicht: Das Dauernde wird geduldet, das Seltene bekämpft.
Autor Christian Steger
Hörbar, sichtbar, spürbar
Wer Tradition erhalten will, darf sie nicht in ein stilles Museum sperren. Tradition lebt nur, wenn sie hörbar, sichtbar und spürbar bleibt. Gerade heute, in einer Welt, die immer schneller und unpersönlicher wird, brauchen wir Rituale, die uns erden.
Disziplin, Sicherheit, Ehre
Ich sehe täglich im Pustertal, mit welchem Verantwortungsbewusstsein unsere Schützen mit der Kanone und dem Gewehr umgehen. Es geht um Disziplin, Sicherheit und Ehre. Das Böllern ist kein Spektakel, sondern ein Bekenntnis – zu unseren Wurzeln, zu unserer Geschichte, zu einem Tirol, das nicht nur in Bildern existiert, sondern im Klang, im Gefühl, im gemeinsamen Erleben.
Wenn die Kanone verstummt
Wenn wir beginnen, das Böllern in Vahrn zu verbieten, schaffen wir einen Präzedenzfall, der weit über eine Gemeinde hinausreicht. Heute verstummt eine Kanone. Morgen vielleicht ein Stück Tirol. Und irgendwann weint eine Tradition, die niemand mehr verteidigt hat.