JOURNALISTEN STREIKEN UM HILFE

Sonntag 29. März 2026

Die Zunft ertrinkt im Tsunami der digitalen Medien.

Freitag 27. März 2026 gab’s Streik bei Italiens Journalisten. Das sind jene staatlich geprüften und in einer eigenen Berufskammer verzeichneten Schreiber, die traditionell das Rückgrat der großen Zeitungen, der Staatssender und der vom Staat alimentierten Medien bilden.

Oder bildeten. Denn am Samstag war z.B. die «Dolomiten» angenehm lesbar und gut gefüllt. Übrigens: Zeitungen werden immer noch am Vortag gemacht. Was du heute im Druck liest, ist 24 bis 48 Stunden alt. So eine Streik-Ausgabe wirft da schon die Frage auf – nicht, ob es Journalisten braucht, die braucht es mehr denn je – sondern welche.

Der vom nationalen Verband ausgerufene Streik wird den Berufsschreibern mit Staatssiegel zwar einige Brosamen bringen, denn ganz vertun wollen es sich die Verleger auch nicht, aber ein großer Erfolg im Sinne von Zunft und Gewerkschaft wird der Streik auch diesmal nicht werden.

Der einfachste Grund dafür ist auch der schlagendste. Es herrscht ein Überangebot an Schreibern. Und es herrscht ein Überangebot an Medien.

Die, in Südtirol zumindest, dann alle noch das Gleiche bringen. Dass in Percha eine Kuh vom Dach fällt, kannst du in Medien, die staatlich zugelassene Berufsjournalisten mit obligater Kammerzugehörigkeit beschäftigen (müssen), in dutzendfacher Ausfertigung hören, sehen und lesen:

Auf 6 lokalen Radiokanälen untertags, auf 6 lokalen Fernsehkanälen abends, und am nächsten Tag in 3 gedruckten lokalen Tageszeitungen. Online hattest du den Kuh-Fall schon nach Minuten oder Stunden auf 6 News-Portalen gehabt. Alles zusammen in fast identischem Wortlaut und Bild. Die kleineren Medien und die Socials gar nicht mitgerechnet.

Diese krasse Over-Information wird von Schreibern geliefert, die sich im letzten halben Jahrhundert vervielfacht haben. Wer konnte und wurde Journalist vor 50 Jahren – sagen wir im Jahr 1976? Nur Akademiker, und mehr als eine Handvoll davon gab es nicht. Und die mussten sich neben der Einstellung bei einem Verlag auch das Benestare (heute sagt man Greenpass) der jeweils herrschenden Partei holen. In Südtirol DC und SVP, weiter unten kamen dazu Kommunisten (PCI), Sozialisten (Craxi) und Republikaner, mit ihren jeweiligen «Testate». Alles nur über persönliche Beziehungen und Treueverhältnisse.

Um die Auslese der Journalisten meritokratisch zu kamouflieren, gab es eine «Staatsprüfung» in Rom. Wer die bestanden hatte und von seiner Partei an die Futtertröge der RAI, der Parteizeitungen und der «befreundeten» Medien gereicht wurde, der hatte freilich ein großartiges Leben. Sattes Gehalt, fürstliche Pension, freie Eintritte, gratis Bahnfahren und was das kleine Ego sonst noch begehrte. Doch, der Gehorsam und das richtige Schreiben wurden schon anständig vergolten.

Nur – der Studierenden und Schreibenden wurden mehr und mehr. Und viele, sehr viele, wollten an die Fleischtöpfe der Zunft. Zugleich löste sich das starre Partei-Korsett auf und mit ihm sogar die (erste) Republik. Der Exklusiv-Club der Staats-Journalisten war nicht mehr zu halten.

«Freelance» war der Arbeitsvertrag der Stunde. Überall schossen Piratensender empor, Radios, Televisionen, erfolgreich betrieben von Amateuren (Berlusconi war einer davon, Elmar Pichler Rolle ein anderer).

Aus dem eisernen Meinungszwang der Parteizentralen und Staatssender wurde eine mehr informelle Meinungsjacke, die sich anzog, wer dazu gehören wollte, zum besseren und gesellschaftlich etablierten Journalismus in RAI, ORF und ZDF. Und diese Jacke bekam das Markenabzeichen PC – nicht personal computer, sondern politically correct.

Kein Wunder, dass in diesem mächtig angeschwollenen Fluss das Profil und das Können litten und dass mit dem Zustrom an unbedarften Schreibern die Gehälter und Privilegien der Zunft unaufhaltsam nach unten gingen.

Dabei war zu diesem Zeitpunkt (Mitte der 1990er) das Internet und die Telefonie als das heute beherrschende Massenkommunikationsmittel noch gar nicht geboren! Erst seit grob 25 Jahren beherrscht das Mobil/Smart-Telefon nicht nur die banale Kommunikation, sondern auch die professionelle.

Für die alten, staatsgepüften Journalisten ist das ein Tsunami, in dem sie jämmerlich ertrinken. Ja, da blieb dem mächtigen italienischen Journalistenverband wohl nichts anderes übrig, als diesen jüngsten Streiktag unter das Motto «Würde» zu stellen. Marketingtechnisch übrigens total verkehrt, weil bei diesem Wort und dem Zustand der Branche ein jeder meint, die Zunft-Journalisten möchten wohl, weiterhin hochbezahlt, «in Würde sterben».