1899-1926. Eine ganz besondere Zeitung.
In Südtirol ist der in Vorarlberg geborene Arzt Egmont Jenny (1924-2010) bekannt und geschätzt als SVP-Dissident und Vater der Sozialdemokratie nach 1945. Seine „Südtiroler Nachrichten“ hat der standhafte Vorkämpfer für ein fortschrittliches Tirol bis zu seinem Tod herausgegeben. Umso erstaunter war ich, als ich in den digitalen Welten der Tessmann-Bibliothek auf einen weiteren Jenny Zeitungsmann und Fortschrittler gestoßen bin. Auf Rudolf Christof Jenny und seine Zeitung „Der Tiroler Wastl“. Da ist nicht nur Namengleichheit und Vorarlberger Blut, sondern auch politische Ähnlichkeit.
Zur Nummer 1000 des Tiroler Wastl im Jahr seiner Schließung würdigt die Zeitung die Persönlichkeit ihres Gründers Jenny (gestorben 1915). Daneben druckt sie nochmals den Brief ab, mit der Redakteur Petz im Kriegsjahr 1917 schon einmal die Einstellung des Blattes bekannt geben musste. In seinem Brief begründet Petz die Mission des Blattes. Sein Appell an Meinungsfreiheit und Humanität gemahnt an unsere eigene Zeit. Der Tiroler Wastl wurde nach 1917 zwar mit wechselndem Glück weiter geführt, ging aber schließlich im Jahr 1926 ganz ein. Hier nun die Auszüge aus der betreffenden Seite von Nummer 1.000 des Tiroler Wastl.
TIROLER WASTL Mai 1926, Nr. 1000
Ein Rückblick.
Zu besonderen Zeiten geziemt sich besondere Rede. Und so wollen auch wir der alten Gepflogenheit huldigen, die gelegentlich von bedeutenden Ereignissen geübt wird, und anläßlich unserer 1000. Nummer einen kurzen Rückblick geben. Er führt bis in das Jahr 1899, das letzte Jahr des 19. Jahrhunderts zurück, in welchem Jahre der „Tiroler Wastl“ vom Schriftsteller Rudolf Christof Jenny gegründet wurde, dessen Bild wir hier bringen.
Es ist uns nicht möglich, in gedrängtem Rahmen auf alles einzugehen, was zür Gründung des Blattes führte, doch können wir unseren Lesern sagen, daß der Gründer, Rudolf Christof Jenny, bis zur Schaffung des „Wastl“ ein ungemein bewegtes Leben durchmachte. Ursprünglich war er aktiver Kaiserjäger-Leutnant, dann führten ihn sein Schicksal und seine schriftstellerische Begabung ueber manche Klippen hinweg zum Redaktionsfache. Im oben genannten Jahre finden wir ihn als Redakteur der „Innsbrucker Nachrichten“ tätig.
Als er aber, der im Innersten tief antiklerikal war, über eine klerikale Protestversammlung in etwas zu humoristischer Weise schrieb, mußte er von dem Posten weichen, der dann mit dem christlichsozialen Dr. Weindl besetzt wurde. Die Sorge nach neuem Brot war eine der Mitursachen der Wastl-Gründung. Daß Jenny, der durch so manches Fehlschlagen seiner Pläne verbittert war, in dem neu gegründeten Organ der Öffentlichkeit verschiedene Dinge sagte, die der eine oder der andere nicht gerne hörte, ist begreiflich. Wer seine Lebensgeschichte gelesen hat, die er unter den beiden Titeln „Von der Wiege bis zum Wastl“ und „Auf steinigen Pfaden“ veröffentlichte, wird manches verständlich finden, was dem Fernstehenden vielleicht absolut nicht begreiflich erscheint.
Mit Unterstützung der sozialdemokratischen Partei gründete Jenny dann im Jahre 1905 die Druckerei R. u. M. Jenny, die er bis zum Frühjahr 1914 führte, sie dann aber an die Eheleute Prechtl verkaufte, in deren Besitz auch der „Wastl“ überging. Nach dem Verkaufe zog sich Jenny nach Wien zurück, blieb aber von dort eifriger Mitarbeiter des „Wastl“, bis ihn der Krieg zu den Waffen rief. Nach langen Jahren trug er nun wieder die Kaiserjäger Offiziers-Uniform und betätigte sich als Kommandant des Reservespitales Baden in bester Weise. Dabei erlebte er die Genugtuung, im späten Alter noch zum Oberleutnant zu avancieren. Kurze Zeit darauf, im Sommer 1915, erlag er in Graz einem schweren Herzleiden.
Seine Schöpfung, der „Tiroler Wastl“, hatte unter den Kriegsverhältnissen fürchterlich zu leiden. Allerdings wäre gerade jene Zeit für den „Wastl“ als kritisches Organ wie geschaffen gewesen. Aber die Zensur duldete keine Kritik, und wo sich einmal eine einstellte, da sah man im Blatte große weiße Flecken. So kam es, daß das früher viel gelesene Organ immer mehr dahinsiechte, obwohl sich verschiedene Leute, u. a. Geschäftsleiter Breuer, Redakteur Petz usw. sehr um das Blatt annahmen.
Die Aussichtslosigkeit, dasselbe halten zu können, bestimmte die neuen Besitzer schließlich, es aufzulassen, um an seine Stelle ein anderes nicht in so scharfen Tendenzen gehaltenes Blatt erstehen zu lassen.
Und so erschien in der Nummer des Wastl vom 11. Feber 1917 (18. Jahrgang, Nr. 885) folgender, vom Redakteur Petz geschriebener Abschiedsartikel:
An unsere Abnehmer und Leser.
Tut’s nit tränen und röhren, meine lieben Freunde und Gönner. Und macht’s mir’s nöt no schwerer. Der „Wastl“ hat sich im Feldzug seines Bestehens so manche Auszeichnung geholt, die schönsten Breverln wohl von Seite der hohen Klerisei und die aufmerksamsten Belohnungen für sein geradsinniges Bestreben am deutlichsten von Ihrer Ehrwürden, der objektivierten Zensur. Die kriegerischen Ereignisse haben auch den „Wastl“ nicht ohne „Umwertung der Werte“ gelassen. Was er schreiben hat wollen, hätt‘ er net dürfen, sonst hätten seine Leser in’s Weiße geschaut. Und das Weiße hätte die Anhänger eines offenen, freien Wortes recht aufgereizt . . . Und um Aufreizung war es dem Wastl wahrlich nie zu tun, nur darum, die im Alltags-Getöse dösig dahinlebenden Freunde und Anhänger mit mehr oder minder scharfer Satire und wenn’s grad mal paßt, mit Humor zu gewinnen für die richtige rücksichtslose, aber wahre Tatsachen- Erkennung, für das wahre, menschliche Leben, seine Nöte, Gefahren und das Bestreben, es menschlich zu gestalten, frei von Druck und Gewalt. Wie oft ist da dem Wastl es schwer auf das Herz gefallen, daß er — schweigen muß, notgedrungen, nicht dem eigenen Triebe folgend … Aber es ging eben nicht anders.
Jetzt aber, wo der Sieg immer näher kommt, jetzt, da der Endkampf nicht mehr fern ist in Europa zwischen Wahrheit und Lüge, jetzt wird der Wastl in neuer, der Kriegszeit Rechnung tragender Form frisch und fröhlich den Kampf aufnehmen gegen die Lüge und alle Erscheinungen, die mit ihr zusammenhängen. Wollen alle, alle seine Freunde und Gönner ihm auch im neuen Gewandt treu bleiben. Das ist der Wunsch und die Hoffnung, mit der [er] sich just mit Prinz Karneval – weil es ja so wie so kein Fleisch mehr gibt – in’s Grab legt, und sich bei Euch allen, die ihn seit 18 Jahren gekannt habt, herzlich dankend empfiehlt
Der „Tiroler Wastl“.