Wie die Kelten Europa gründeten. Die Irische Mission, Teil 1.
Die Bedeutung der Kelten in Tyrol und Sytirol wird von der Forschung, soweit ich das mitbekomme, als unerheblich eingeschätzt. Die mutige Keltendeutung von Pater Sebastian Heinz (1895) steht einsam, aber mächtig da, wie ein Findling auf einem Algunder Weinacker. Doch aufgepasst!
Als Schulkind wurde uns im Religionsunterricht vom Kooperator Alois erzählt, wie irische Mönche das Christentum nach Deutschland und in die Alpenländer gebracht haben. Als Mittelschüler habe ich mich über die verkehrte Himmelsrichtung gewundert. War für mich doch der Norden heidnisch und der Süden päpstlich-katholisch. Aber so geht das mit der Schulgeschichte. Das schon früh römisch gewordene Britannien war nicht auf dem Radar.
Die irische Mission auf dem Kontinent ist Kronzeuge für das „keltische Substrat Europas“ (Pater Sebastian). Mehr noch: Wenn Europas Wesensmerkmal das Christentum ist, dann haben irisch-keltische Wandermönche dieses Europa überhaupt erst erschaffen. Unser irisch-stämmiger heiliger Korbinian, zuhause in Kuens, ist ein großer Gestalter dieses Europas.
Als die irische Mission vom Jahr 600 weg auf das fränkisch dominierte Festland übersetzte, war das eine durchdachte Kampagne. Der Papst und seine Franken wollten und mussten die heidnischen Kelten und die wilden Sachsen zähmen. Überhaupt erobert die spätrömische Kultur das heidnische Europa im Mönchsgewand. Von Südost (Byzanz) her werden die Goten bearbeitet, von Nordwest (Irland) her die Kelten. Das Christentum lehrte Gehorsam und Verzeihen, eignete sich also hervorragend für eine Untertanen-Religion.
Doch wie sollte man die sturen Kerle bekehren? Mit List. Die katholischen Iren waren Kelten, das einfache heidnische Volk auf dem Festland waren Kelten. Man sandte Kelten zu Kelten, um dem Volk die Glaubenslehre des Reiches schmackhaft zu machen. Kulturpolitische Homöopathie nenne ich das. Den Kelten gefällt Homöopathie, sie mögen keine Gewalt.
Und indirekt bestätigt das die Geschichtsschreibung. Mehrfach in den irischen Heiligengeschichten bemerkt etwa Wikipedia, dass die Versuche, die Leute gewaltsam zum Christentum zu bekehren, gar nicht erfolgreich waren, und dass die irischen Apostel bei den Mächtigen immer wieder darauf drängten, es auf die sanfte und zivilisierte Art zu machen, etwa mit Schulungen im Obstbau, usw. Das heißt, die Iren waren vertraut mit der Mentalität ihrer keltischen Verwandten und verstanden es, die Heilslehre mit dem keltischen Modernisierungswillen zu verbinden. Daraus wurde Europa.
P.S.
Der heilige Martin, ein Kelte
Die irischen Missionare und Heiligen des frühen Mittelalters waren beileibe nicht die ersten Kelten im Heiligenbuch der Kirche. Bereits in der spätrömischen Antike haben wir einen prominenten Kelten, den heiligen Martin von Tours. Wie schon erzählt, machte der aus dem heutigen Ungarn (damals Keltenland) stammende Kelte und Ritter unter dem römischen Namen Martinus Karriere (um das Jahr 400). Er war so beliebt und tüchtig, dass ihn seine keltischen Landsleute in Gallien (Tours) drängten, ihr Bischof (Chef) zu werden. Martins Mildtätigkeit ist ja sprichwörtlich geworden und seine Beliebtheit dauert bis heute an. Sein Geheimnis: Ein Kelte zu Kelten. Kulturpolitische Homöopathie auch hier.
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