Im Hochmittelalter sind deutsche Heilige angesagt, danach Konzepte und „Icons“.
Die Namengebung der ersten christlichen Kirchen in Tyrol/Sytirol geht letztlich auf den römischen Personenkult der späten Kaiserzeit zurück. Nachdem der Christus-Kult zur alleinigen Staatsreligion des Reiches erhoben worden war, wurden die Kultstätten nach den ersten Heiligen und Märtyrern der neuen Staatsreligion benannt. Wir begegnen fast schon exotisch anmutenden Namen wie Prokulus (Naturns), Ägidius (Schlanders), Sysinius (Laas), Medardus und Karpophorus (Tarsch) usw. Als die Goten, Franken, Alemannen und Langobarden die Herrschaft in und rund um den Alpenraum übernehmen und sich (ab 600) der irischen Mission bedienen, schiften (verschieben sich) die Heiligennamen langsam ins Keltisch-Germanische.
Ein gutes Beispiel dafür ist unser Heiliger Korbinian, ein irischer Name. Aber auch der Heilige Virgil (von Salzburg), der so römisch klingt, aber irisch ist so wie sein Träger Feirghil (mehr dazu in den nächsten Folgen). Oder die Heilige Erintrud, verdeutschte „Eiranne“, Feirghils Schwester.
Die nächste Schicht an Heiligennamen, nach denen Kirchen in Tyrol/Sytirol geweiht werden, das sind die Namen aus dem Hochmittelalter ab 1000 – Blütezeit des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation (ging bis 1806). Die deutschen Heiligen, die wir bei uns im Meraner und Bozner Raum kennen, sind: Sankt Leonhard (im Passeier), Sankt Walburg (Ulten), Sankt Gertraud (Ulten). Da viele Deutsche auf antike Namen getauft sind, erlebt man beliebte Kirchenheilige wie Sankt Kathrein (Hafling), Sankt Anton (Arlberg), Sankt Johann (Tirol) oder Sankt Martin (Passeier) nicht mehr als jüdisch-römisch-hellenistisch, was sie sind, sondern als hiesig, also deutsch. Die deutsche Superheilige Elisabeth von Thüringen hat in unserem Kulturraum als Kirchenheilige weniger stark Fuß gefasst.
Spätestens seit der Reformation von Dr. Martin Luther und der anschließenden Gegenreformation des Trentiner Konzils (1563) bricht sich eine neue Namensgebung Bahn. Nicht mehr die Persönlichkeit und der Name eines Heiligen und Glaubenszeugen steht an, sondern die Vermittlung dogmatischer Eckpunkte der katholischen Konfession. Darunter vor allem die Jungfräulichkeit Mariens und die Dreifaltigkeit Gottes.
Abstraktes wird „icon“
Je weiter wir in den Barock hineinkommen, umso allegorischer und anschaulicher werden diese abstrakten Glaubenswahrheiten dargestellt. Aus der Dreifaltigkeit wird der Heilige Geist herausgeputzt in Gestalt einer weißen Taube. Ja, das ist schon ein „icon“. Die Gottesmutter Maria wird Sinnbild der Frau und Mutter, gefeiert und verehrt als Weltenkönigin mit der Schlange zu ihren Füßen. Maria’s Lebensstationen werden zu Akten der Göttlichkeit (Heimsuchung, Empfängnis, Himmelfahrt). Aus ihrem Sohn Jesus, dem Gekreuzigten, erwächst das Herz Jesu (das nächste „icon“), flammend, umkränzt von Dornen, ein einfach anzusehendes und dennoch komplexes Symbol der Liebe. Viele alten Kirchenheiligen müssen der neuen Zeit weichen. Stellvertretend für alle sei die Kirche von Allitz genannt, die nach ihrem Standort ein urzeitliches Heiligtum sein muss, aber einen Barocknamen trägt, nämlich Mariä Heimsuchung. Den alten Kirchennamen weiß man nicht mehr.
Nächste Folge von ETYMO AM SAMSTAG: Die Irische Mission.