Das Tagebuch des Johann A. Jordan.
…Fortsetzung
23. August.
Heute vormittags findet in Riffian eine Prozession mit dem Muttergottesbilde statt, das seit den Franzosenzeiten nicht mehr umgetragen worden ist. Wieder neue Erkrankungen im der Stadt, aber großenteils nicht gefährliche. Wiewohl die Gräfin Stachiburg die wirkliche Cholera im zweiten Grade hatte und daran starb, wurde sie doch nicht aus dem Hause (Kallmünz) getragen und mit gewöhnlichem Zeremoniell begraben. Nach den polizeilichen Vorschriften hätte man sie ins Totenhaus — nunmehr neben der Pfarrkirche im Bau — tragen und bei St. Leonhard beerdigen müssen.
Der Dechant hat noch nie ungeachtet des Befehles des Kreishauptmanns Graf Klemens von Brandis angefangen, die Toten hinaus zu begraben und hat auch den Platz noch nicht einmal eingesegnet.
Gestern starb hier ein Tagwerker der Stadt, der die Cholerine hatte. Auf die Krankheitsanzeige hin waren die Sesselträger mit dem Sessel zum Kranken geeilt, um ihn ins Spital zu befördern. Sein Weib aber erwiderte, sie lasse ihn nicht fort, sie werde für ihn schon selbst sorgen. Hiemit hatte sie wohl auch recht, denn von 18 sind dort 17 gestorben. Das Weib mußte dann einen Gang machen. Die Wächter beobachteten das, eilten neuerlich mit dem Sessel herbei, holten den Kranken aus dem Bette und trugen ihn hinaus ins Spital, wo er dann auch bald starb. Als das Weib später nach Hause kam und den Mann nicht mehr antraf, eilte sie nach, erkrankte selbst und starb heute ebenfalls. Der Magistrat hat nämlich die Verfügung getroffen, daß, sobald eine mindere Person, ein Armer, ein Tagwerker u. dgl. von der Cholera ergriffen wird, sie sofort ins Spital zu befördern sei. Zu diesem Ende wurden einige elende Kerls bestellt. Tag und Nacht stand beim Rathaus zu ebener Erde ein Sessel ohne Vorhang, ohne Vorrichtung gegen das Herausfallen, kaum so gut, daß er nicht selber zerbrach. Auf der Patrei des Rathauses saß einer der zwei Träger wie eine Schildwache. Diesen Sessel wollten vor einigen Tagen sogar die Maiser reklamieren.
In Mais wurde heute wegen der zahlreichen Toten und Kranken den ganzen Tag sei es zum Versehen, zum Schiedum, oder zur Begräbnis geläutet.
24. August.
Auf dem Lande, besonders in Untermais schaut es sehr schlecht aus, bis heute Abend starben dort insgesamt 65 Personen, in Algund 90. In Tscherms und Marling ist es stärker als zuvor. In der Stadt gibt es wohl viele Kranke, jedoch starben nur ein bis zwei Personen, selten mehr und fast immer nur alte oder vernachlässigte Leute.
Fortsetzung folgt
QUELLE
Das Seuchentagebuch von Jordan wurde vom angesehenen Heimatkundler Richard Staffler einer breiteren Leserschaft zugeführt in dem Buch: Meran: hundert Jahre Kurort 1836 – 1936 ; Festschrift der alten Hauptstadt des Landes zum hundertjährigen Bestande als Kurort, hrsg. von Bruno Pokorny, 1936, Innsbruck Verlag Wagner. Der Aufsatz nennt sich „Das Cholerjahr 1836 im Burggrafenamte. Von Richard Staffler.“, Seiten 59-68.
Das Manuskript „Die Cholera in Meran und Gegend im J. 1836“ mit der Bezeichnung ß 42/4 erliegt im Meraner städtischen Museum, notiert R. Staffler.
Ermöglicht hat diesen Beitrag die Landesbibliothek Friedrich Tessmann mit der Digitalisierung ihres Bestandes, dafür herzlichen Dank.