DIE CHOLERA BEGINNT ZU WÜTEN

Montag 10. August 2026

MERAN 1836. Die Cholera bricht aus. Zivil-Ingenieur Jordan führt Tagebuch.

10. August nachts 1/2 10 Uhr. 

Heute morgens nach der Frühmeß um 5 Uhr wurde die am Sonntag verkündete Prozession nach St. Leonhard außer den Kapuzinern abgehalten. Eine Menge Menschen, Bürger und gemeines Volk, davon mehr als die Hälfte Frauenspersonen begleiteten dieselbe. Auch der Bürgermeister Jos. Valentin Haller ging mit, jedoch nur bis zu den Kapuzinern, dort blieb er zurück. Hernach tadelten manche die Veranstaltung dieser Prozession, da man geradezu der Cholera entgegen ging und solcherart üble, gesundheitliche Folgen heraufbeschwor.

Im nahen Algund war nämlich die Cholera bereits heftig ausgebrochen. Der nicht unweit gelegene Haarwaal ist bekanntlich der niedrigste Punkt, wo alle Wasser einfließen und wo deshalb Dämpfe und Nebel zu Hause sind und der meiste Tau fällt. Die allgemeine Frage war nun, wie schaut es in Algund aus? Seit gestern ist Gottlob kein neuer Todesfall bekannt geworden.

Hingegen hörte man, daß die Krankheit bereits seit drei Tagen in Bozen eingebrochen sei und schon Opfer gefordert habe, wie den Schwertfeger, sein Weib und andere.

Gegen 10 Uhr vormittags hörte man, daß im Vinschgau die dortige Nervenkrankheit stark hause, namentlich in Mals, wo am Sonntag acht Personen starben, während in Goldern fünf Personen zum Opfer fielen.

Noch vor 11 Uhr mittags hörte man von neuen Erkrankungs- ja Todesfällen in Algund und vom Walkner in Gratsch. Nach Tisch wurde erzählt, daß zwei Knechte, die gestern Wein in die Stadt herabführten, gestorben seien.

Noch mehr, der Dr. Feiertag habe sich ebenfalls gelegt. Um 1 Uhr vernahm man, daß sich auch der Dr. oder Chirurg von Algund mit Frau und Kind gelegt habe. Die Krankheit zeigt sich mit Durchfall, aber mit wenig Grimmen. Also klar die Cholera in Meran.

Es verbreitet sich nunmehr ein ernstlicher Schrecken in der Stadt, in den Gassen und Lauben stehen Gruppen von Menschen, von früh bis nachts reden die Leute von nichts anderem als von der Cholera.

Desungeachtet kamen heute Fremde an, sich hier aufzuhalten. Man erzahlte auch von zwei Fällen auf Tirol, wo zweien Weibspersonen in der Kirche übel wurde.

11. August.

Morgens hörten wir, daß die Krankheit heute auch in Basling bei Tscherms ausgebrochen sei, ja etwas später sollen drei Personen in Marling gestorben sein. Durch den Arzt erfuhr ich, daß in Algund zwei Personen gestorben sind. Bis Mittag hörte man nichts. Allein nach Tisch erfuhr ich, daß soeben die gewesene Sattlermeisterin Ploner geborene von Gruber von Lana auf dem Cholerasessel ins Spital getragen worden sei.

Auch in Obermais kamen zwei Fälle vor. Nun wurde dreimal in einer Stunde die Sterbeglocke geläutet und zwar für zwei Personen im Spital sowie für den Spitalmüller.

Die tödliche Erkrankung des letzteren war dermaßen auffallend, daß sich jedermann von der Cholera überzeugte. Der Spitalmüller war nämlich gestern im Badl auf der Töll gewesen, und dann lustig heimwärts gegangen. Als er durch Algund ging, alterierte er sich sehr, dazu beging er noch die Torheit, wegen der Hitze im Spitalbach zu baden, wodurch er sich die Krankheit zuzog.

Nachmittags mußten von den Wiesen drei Menschen nach Hause getragen werden, weil ihnen übel geworden war. In Algund sind wieder einige Personen von der Seuche ergriffen worden. Man wird hier ganz niedergeschlagen. Die Apotheken haben vollauf zu tun, die Gramillen — so viel sie sonst deren hatten — waren fast alle verkauft.


Fortsetzung folgt

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QUELLE

Das Seuchentagebuch von Joh. Anton Jordan wurde vom angesehenen Heimatkundler Richard Staffler einer breiteren Leserschaft zugeführt in dem Buch: Meran: hundert Jahre Kurort 1836 – 1936 ; Festschrift der alten Hauptstadt des Landes zum hundertjährigen Bestande als Kurort, hrsg. von Bruno Pokorny, 1936, Innsbruck Verlag Wagner. Der Aufsatz nennt sich „Das Cholerjahr 1836 im Burggrafenamte. Von Richard Staffler.“, Seiten 59-68. Das Manuskript „Die Cholera in Meran und Gegend im J. 1836“ mit der Bezeichnung ß 42/4 erliegt im Meraner städtischen Museum, notiert R. Staffler. Ermöglicht hat diesen Beitrag die Landesbibliothek Friedrich Tessmann mit der Digitalisierung ihres Bestandes, dafür herzlichen Dank.